Konrad H. Kinzl, Athen: Zwischen Tyrannis und Demokratie
   

 

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Athen: Zwischen Tyrannis und Demokratie*

Konrad H. Kinzl

Demokratia: Der Weg zur Demokratie bei den Griechen
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1995. Hrsg. Konrad H. Kinzl. (Wege der Forschung 657.) VII, 452 S. ISBN 3-534-09216-3

© Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt

 

   

   

 

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Das unleugbar aristotelische Gemälde (mit Zügen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert) ist uns wohlvertraut: von Station zu Station unaufhaltsam vorwärtsschreitend hat die attische Demokratie sich von Kleisthenes an herausgebildet. Die Geschichte freilich hat ihren Aristoteles nicht so gut studiert, auch nicht seine Teleologie. Risse in dem klassizistischen Marmordenkmal zeigen sich. Der ernsthafteste Angriff in einem Teilbereich kam bislang von Badian im Jahre 1971.1 Der erste umfassende Versuch, die athenische Verfasssungsgeschichte von Kleisthenes bis Ephialtes neuzuschreiben, ist freilich noch jüngeren Datums. Jochen Martins Sätze in den Schlußpartien seines Aufsatzes warden es verdienen, ausführlich zitiert zu werden. Wir müssen es hier bei einem Zitat belassen: «Die Demokratie in Athen war nicht das Ergebnis eines bewußt auf Demokratisierung ausgerichteten Handelns.»2

 

   

   

 

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Die in meinem vorliegenden Beitrag ausgedrückten Überlegungen entstanden in der Hauptsache noch ehe ich eine Kopie von Martins Arbeit zu sehen bekam. Ich will mich hier nur zu jenen Problemen äußern, zu welchen ich einen neuen Blickwinkel anbieten kann. Ich werde chronologisch vorgehen, zumindest aus Gründen der Einfachheit.3

1.  Von Hippias bis Isagoras. — In vielen Gesellschaftssystemen ist die Bürgerrechtsfrage ein Anliegen besonderer Dringlichkeit. Sogleich nach dem Abzug der Peisistratiden sollte das Bürgerrecht zur wichtigsten Frage werden. Der sogenannte Diapsephismos4 stellt einen der Wiederherstellung einer gewissen Ordnung im Bürgerrecht dar. Einige wurden ausgebürgert,5 andere ein-

 

   

   

 

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fach in ihrem Status als Bürger bestätigt,6 wieder andere in den vier Phylen durch Kleisthenes eingebürgert.7 Ein Psephisma, welches die Folterung attischer Bürger verbietet, wurde unter der Archonschaft des Skamandrios8 erlassen, vermutlich 510/509.9 In diesen und anderen Dingen wird sich Kleisthenes wohl der Unterstützung einer genügenden Anzahl von Mitaristokraten und ihres politischen Gefolges daheim versichert haben.10 Kleisthenes war ganz gewiß in

 

   

   

 

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ganz reeller Weise tätig (reeller als einfach «Einfluß ausübend», «den kürzeren ziehend», und «den Demos auf seine Seite bringend», wie Herodotos (5,66; 5,69,2) sich freundlicherweise auszudrücken beliebt), so daß er dann von demselben spartanischen König, der ihn jüngst zurückgeführt hatte, wieder hinausgeworfen wurde.

Es mag durchaus sein, dals in der verworrenen Periode nach der Befreiung von der Tyrannis der Diapsephismos und ähnliche Maßnahmen Unordnung hervorriefen. Isagoras, über dessen Vorstellungen davon, wie Athen zu regieren sei, wir gut Bescheid wissen, sah als seine Pflicht, wiederum Ordnung zu schaffen, indem er nochmals Kleomenes zuhilfe rief. Seine Vorstellung von Ordnung war Willkür, seine Methode Despotie. Sein Plan wurde von der aristo

 

   

   

 

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kratischen Mehrheit, welche von Kleisthenes zusammengeschweißt worden war, vereitelt. Der Rat der Vierhundert widersetzte sich seiner Entlassung, seine Anhänger unter dem Volk strömten zu seiner Unterstützung zusammen,11 Isagoras und seine Partei suchten Zuflucht auf der Akropolis und ergaben sich nach drei Tagen. Nochmals kehrte Kleisthenes heim.12

2.  Von Isagoras bis 501/500. — Wir lesen oft, daß Kleisthenes dies und jenes erreichte, als ob er eine überlegene Machtstellung eingenommen hätte — gewissermaßen wie ein neuer Solon. Gewiß war er als gewesener Archon13 ein Mitglied des Rates vom Areios Pagos. Ansonsten jedoch war seine Macht unoffiziell14 und rein politisch. Der Politiker, nicht der Amtsinhaber Kleisthenes brachte die Reformgesetze ein. Er und zahlreiche Mitglieder der attischen Aristokratie hatten dieselben Erfahrungen unter den Peisistratiden und nach deren Verbannung gesammelt.15 Nur erstere konnten die Stimmenmehrheit in der Volksversammlung garantieren.16 Um diese

 

   

   

 

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Stimmen zu erhalten, mußte der Politiker Kleisthenes einen Konsens der Mehrheit der Mitaristokraten geschmiedet haben. Man darf den Gesetzen des Kleisthenes auf keinen Fall ausgesprochen antiaristokratische Absichten zuschreiben: allein das Beispiel des Isagoras zeigt uns nachdrücklich, wie man durch Mißachtung der politischen Gegebenheiten scheitern konnte. Kleisthenes repräsentiert nicht den turmhoch über allen stehenden staatsmännischen Giganten, der, von der Vision eines demokratisch regierten Athens besessen, diese unerschrocken in die Tat umsetzt, ohne Rücksicht auf die politischen Gegebenheiten. Vielmehr ist er symbolisch für den praktischen Alltagspolitiker, dem es daher gelang, vor dem Hintergrund der Erfahrungen und Fehler der Vergangenheit sowie den vordringlichen Erfordernissen der Gegenwart, einfach Konsens in der Politik suchte und fand, doch völlig Aristokrat in aristokratischer Landschaft. Untersuchungen zur athenischen Verfassungsgeschichte im späten sechsten Jahrhundert müssen sich notgedrungen zuerst mit der Gestalt des Kleisthenes beschäftigen. Wir brauchen uns hierbei nicht mit den «Minimalisten» aufzuhalten: wir dürfen es als gegeben annehmen, daß ein Mann, der imstande war, die Priester in Delphoi davon zu überzeugen, sich gegen die Peisistratiden zu wenden,17 der eine entscheidende Rolle in der Umgestaltung des athenischen Staatswesens spielte — daß dieser Mann nicht zu einem gescheiterten möchte-gern Tyrannen heruntergemacht werden kann.18 Als Historiker sollten wir uns jedoch auch davor hüten, einen Standpunkt einzunehmen, den man als den des «Optimalisten» bezeichnen könnte.

 

   

   

 

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Mit dem Bürgerrecht sind andere Rechte verbunden.19 Grundbesitz, Ehe, Teilnahme am politischen Leben, Dienst als Geschworener, etc., alles von großem Belang — um das wichtigste nicht zu vergessen: das irrationale Element. Wenn (wie oben, 1., angedeutet) der Diapsephismos ein zumindest teilweiser Mißerfolg war, so hatte man doch gewiß Maßnahmen zu treffen, die in Hinkunft Durcheinander und Unrecht auf diesem Gebiet verhindern würden. In Gestalt der neuen Demenverwaltung wurde der attische Staat erstmals in seiner Geschichte auf eine unerschütterliche Basis gestellt, in deutlichem Gegensatz zum bisherigen System, das aus einer bunten, Vielfalt verschiedener Strukturen bestand, bestimmt durch so verschiedene Faktoren wie etwa Region,20 Familienzugehörigkeit, Kultgemeinschaft,21 Sippschaft.22 Nun wurde endlich eine klar definierte Prozedur auf der Grundlage der Rechtsstaatlichkeit, mit den Demoten als Alleinverantwortlichen, ins Leben gerufen, deren Zweck die Kontrolle und Verwaltung des Staatsbürgerrechtes war. Offensichtlich hatte Kleisthenes seine Lektion gelernt,23 und mit ihm Athen.24

Die Einführung einer Verwaltung Attikas auf Demengrundlage sollte sich für die politische und soziale Entwicklung Athens während der nächsten Jahrhunderte wahrhaft bahnbrechend erwei-

 

   

   

 

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sen. Im Gefolge des Aristoteles25 wird dieser Vorgang oft als einer beschrieben, der dem Durchmischen und dem Abbau der alten Sippschaftsverbindungen dienen sollte. Ich will mich nicht damit aufhalten, ob dies im Endeffekt erreicht wurde oder nicht, da bekanntlich das Endresultat nicht viel oder gar nichts über den ursprünglichen Zweck des Vorgangs aussagt. Armeen sind meist am besten für den vorhergehenden Krieg gerüstet, und in der Politik geschieht es gleichfalls häufig, daß eine bestimmte Reform zwar ein Problem der Vergangenheit gelöst hätte, während sie ein Problem der Gegenwart nicht aufhebt und der tatsächliche Erfolg unbeabsichtigt gewesen sein mag.

Die herodotische Chronologie der Demenreform habe ich deshalb aufgegeben,26 weil ich annehme, daß sie auf jüngste Ereignisse reagierte. Diapsephismos und Demenreform gelten beide demselben Zweck — dem Bürgerrecht —; da letztere Maßnahme weit einschneidender als erstere ist, erscheint der Schluß zwingend, daß letztere Reformmaßnahme die erstere hinfällig machen sollte (da diese nicht viel mehr als eine Durchführung einer bereits existierenden Prozedur war). Natürlich scheint es nicht ausgeschlossen, daß Kleisthenes und seine Mitstreiter schon vor der Machtübernahme durch Isagoras und dem Einschreiten des Kleomenes erkannten, grundlegende Veränderungen seien vonnöten, und daher bereits vor diesen Ereignissen Gesetze in dieser Richtung einbrachten; doch bleibt dies nur eine Möglichkeit. Historisch wahrscheinlicher ist, daß die «radikale» Demenreform durch ein «radikales», wenn nicht

 

   

   

 

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sogar gewalttätiges Ereignis (wie etwa der Isagorasaffäre) ihren Anstoß erfuhr.

Auch die neuen Demen werden zweifellos die Herausbildung (oder Fortsetzung) lokaler Abhängigkeiten usw. erlaubt haben — doch,27 über weit über einhundert solche Einheiten verteilt, bereiteten sie auch der Formung bzw. Stärkung einer panattischen Identität den Weg.28 Die Anführer der großen, überregionalen «clans» hatten in der Vergangenheit größeren Einfluß auf die Staatsgeschäfte nehmen können, als sie es nun können würden. Die Anführer der einzelnen, zahlreichen «oikoi» konnten nun größeren Einfluß in größerer Unabhängigkeit auf lokaler Ebene ausüben. Doch würde es nun ungemein viel schwieriger sein, eine ausreichend große Anzahl loyaler Gefolgsleute zu versammeln, mit Hilfe derer sich die rechtmäßige Regierung ausschalten ließe, wie dies in den Tagen der Herren Megakles, Lykourgos und Peisistratos möglich gewesen war.29

Herodotos erzählt von Kleisthenes' Reformen der Demen und

 

   

   

 

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Phylen;30 Aristoteles fügt noch «Gesetze» hinzu, wobei er aber nur das Ostrakismosgesetz namentlich erwähnt.31 Die Person des Kleisthenes entschwindet unseren Blicken ohne weitere Spuren. Er bleibt eine schattenhafte Figur insgesamt, obgleich Herodotos manch einen anderen Griechen oder «Barbaren» sehr typisch charakterisieren konnte. Ist es denkbar, daß uns Herodotos alles, was er in Erfahrung bringen konnte, berichtet? Ich möchte mit «Ja» antworten. Kleisthenes scheint sich dem Kollektivgedächtnis der Athener nur in Zusammenhang mit der Auflösung der alten Phylen und der Schaffung einer neuen Regierungsordnung, die sich auf die Demen und die zehn Phylen gründete, eingeprägt zu haben; man erinnerte sich seiner auch noch ganz entfernt als eines Mitspielers in dem Isagoras«Theater». Ich möchte daher vorschlagen, nicht zuviel Einfallsreichtum auf die Person des Kleisthenes zu verschwenden (oder auf sekundäre Detailfragen, wie etwa die exakte Chronologie).32 Statt dessen, würde ich vorschlagen, sollten wir sämtliche Reformen zwischen der Rückkehr des Kleisthenes (nach Isagoras und Kleomenes) und 501/500 unter dem Namen «Kleisthenische Reformen» zusammenfassend betrachten — Stoßrichtung und Geist der Reform sowie kurz- wie langfristige Bedeutung erfassend. Dies sollte uns eher dem historischen Kleisthenes näherbringen als ein einseitig orientierter «Personenkult».

Die Umsetzung der Demen- und Phylenreformgesetze in administrative Wirklichkeit mag wohl beträchtliche Zeit in Anspruch genommen haben; doch sollte das Registrieren der Demoten in den Bürgerverzeichnissen ihrer Demen relativ einfach gewesen sein.33 Die Trittyen und Phylen zu erstellen wird länger gebraucht haben

 

   

   

 

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(angesichts der Komplexitäten des Systems, welches bereits Generationen von Gelehrten beschäftigt). Es wäre natürlich anachronistisch gedacht, wenn man sich eine offizielle, bestellte oder gewählte «Kommission» vorstellte, die das neue Gesetz in die Tat umsetzen sollte. Indes scheint es höchst wahrscheinlich, daß eine größere Anzahl politisch und administrativ erfahrener, aktiver Männer, die das neue Gesetz unterstützt hatten, nun auch mit seiner Verwirklichung befaßt wurden. Gewiß ergaben sich im Laufe der Arbeit «vor Ort» Schwierigkeiten, die nur durch eventuelle Modifikationen gelöst werden konnten. Derart ließe sich erklären, weshalb die Trittyen, obgleich im System fix verankert, niemals ein solches Maß an politischer Bedeutung wie die Demen und Phylen erlangten.34

Diese neugeschaffene Demen-Trittyen-Phylen-System führte zur Präsenz eines neuen Demos in der Volksversammlung, die nun auch neu strukturiert wurde: Ihr Rat und die Befehlshaber des Demos als Volksheer mußten nun an das neue System angepaßt werden.35 Es erscheint bemerkenswert, daß zu diesem Zeitpunkt weder dem Areios-Pagos-Rat noch der Archonschaft auch nur die geringste Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Rhodes hat überzeugend die Ansicht vertreten, daß die Amtsgewalt der Kleisthenischen Boule nur in.der Probouleusis bestand, wenngleich des Rates «powers [werel not reduced [gegenüber jenen des Solonischen Rates der Vierhundert] but considerably increased».36 Rhodes meint auch ansprechend, daß das erste Zusammentreten des Rates der Fünfhundert mit dem Bouleuteneid des (vermutlichen) Jahres 501/500 zusammenfällt (in welchem die Befugnisse der neuen Boule restriktiv definiert werden).37 Ich kann nichts

 

   

   

 

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«Demokratisches» in diesem Eid erkennen38 — obgleich er eine Bedeutung hat, die über ein einfaches Ausführen der Kleisthenischen Reform hinausgeht.39 Das Verbot, einen athenischen Bürger, der Kaution zu stellen vermag, einzukerkern, dürfte dem archaischen Eid40 angehören.41 Die Ähnlichkeit mit anderen Maßnahmen aus dem kleisthenischen Bereich ist nicht zu übersehen. In diesem Fall werden wir an das Gesetz aus der Archonschaft des Skamandrios gemahnt,42 welches die unverletzlichen Rechte des athenischen Bürgers bestätigt. Es spiegelt auch im allgemeinen die damalige Einstellung wider: die vorrangige Sicherung des Rechtsstaates. Daran zeigt sich, daß auch noch am Ende der Dekade und nach dem Verschwinden des Kleisthenes (durch Tod, Krankheit, oder welchen Grund auch immer) der Geist und die Richtung der Reform unverändert weiterwirkten.43

Die Reform (mit Gültigkeit des Jahres 501/500)

 

   

   

 

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der Strategie stellt einen weiteren logischen Schritt in der Verwirklichung des neuen Demen-Trittyen-Phylen-Systems dar,44 wenngleich weniger leicht erklärlich. Martin widmet der Frage ganze sechseinhalb Zeilen. Er meint: «Die kleisthenische Phylenorganisation erforderte eine Neuordnung der militärischen Führung unterhalb des Polemarchen. Die Wahl der Strategen war nicht demokratischer als die der Archonten. Ich sehe deshalb nicht, wie man der Maßnahme von 501/500 eine besonders demokratische Bedeutung beilegen kann.»45 Man könnte wohl etwas mehr zur Rechtfertigung dieser Ansicht vorbringen.

Zum einen war die Zahl der obersten zu wählenden Beamten seit 501/500 verdoppelt (genau: von neun auf neunzehn vergrößert). Weder Wahl noch Erlosung sind per definitionem demokratisch: Erst der Zusammenhang und die Zielrichtung machen dies klar.46 Wurden ab jetzt «Demokraten» mit offenen Armen in das Gremium der Strategen aufgenommen? Dagegen ist zu sagen, daß erstens anzunehmen ist, daß die Befehlshaber des Bürgeraufgebotes Grundbesitz haben mußten47. Es ist denkbar, daß dieselben timokratischen Einschränkungen wie für die Archontenwahl galten. Indirekt galten sie auf jeden Fall: Kein gemeiner Bürger konnte ein ganzes Jahr lang eine Stelle ohne Entgelt besetzen. Die aristokra-

 

   

   

 

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tische Exklusivität der Strategie, falls sie nicht ausdrücklich ausgesprochen wurde, war zumindest indirekt sichergestellt. Der erste uns bekannte athenische Stratege, Melanthios (der das athenische Kontingent im ionischen Aufstand führte), war ein Mann, der TW=N A)STW=N TA\ PA/NTA DO/KIMOS war.48

Für den eigentlichen Wahlvorgang haben wir keine Quellen: Wir sind gänzlich auf Vermutungen angewiesen.49 Ich möchte meinen, daß die Kandidaten nach Phylen von der Boule vorsortiert wurden,50 wodurch die Bouleuten gerdängt waren, sich wichtigen Männern aus ihren eigenen Demen zuzuwenden. Damit würde auch das wahrscheinliche zeitliche Zusammenfallen51 von Bouleuteneid und Strategiereform beiderseitig bekräftigt.

Die Laufbahn des Melanthios mag übrigens gezeigt haben (ob nun Melanthios eine so wichtige Rolle vor Augen hatte, als er sich um die Strategie bewarb, oder nicht),52 daß es leichter war, als Stratege in der Ferne, denn als Archon daheim sich verdient zu machen.

 

   

   

 

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Dies mag auch die Erklärung dafür bieten, daß allem Anschein nach die Archonten dieser Periode nicht so hohen Ansehens waren wie wir erwarten würden.53

Es läßt sich jedenfalls nicht beweisen. daß die Strategiereform Athen «demokratisieren» sollte. Wenngleich in späteren Zeiten die Strategie zum Sprungbrett der «Demagogen» und ein typisches Amt der athenischen Demokratie war, so ist es alles andere als offensichtlich, daß die ursprüngliche Verfassungsänderung von 501 daraufhin abgezielt hätte.

Schließlich der Ostrakismos!54 Es ist dies ein typisches Beispiel dafür, wie eine bestimmte Neuerung in eine demokratische Maßnahme umfunktioniert werden konnte — der Urheber hatte nichts dergleichen im Sinne. Indes weist der Ostrakismos die Charakteristiken kleisthenischer Reformen auf: Er war bestimmt, die Wiederholung eines häßlichen Aspekts der peisistratidischen Vergangenheit zu verhindern; der Demos. d.h. alle Bürger, waren berechtigt, an der Urteilsfindung teilzuhaben; Rechtssicherheit ist unterstrichen. Doch sollte der Ostrakismos in erster Linie aristokratischen Interessen dienen, denn es waren die grundbesitzenden Aristokraten, die von Exil und Enteignung zugleich am meisten betroffen wurden.55 Das neue Gesetz sicherte die Rechte jener, die eine wichtige Rolle in Gesellschaft und Politik spielten, die in der Vergangenheit vertrieben und enteignet worden waren, die Grundbesitz hatten — indem es eben jenen den Genuß des Einkommens aus jenem

 

   

   

 

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Grundbesitz garantierte. Der ursprüngliche Sinn des Ostrakismos war nicht offensiv sondern defensiv, und es waren aristokratische Interessen, die es zu beschützen galt. Doch es war ein schlecht durchdachtes Gesetz; es war am wirksamsten solange es eine Waffe in der Scheide blieb — sobald es angewandt wurde, geschah dies als eine politische Waffe, die nur zu leicht mißbraucht werden würde. Soweit ich sehe ist es das einzige Gesetz der attischen Verfassung, das der praktischen Ächtung anheimfiel, ohne je verbessert zu werden.

Wir haben somit das Ende der Periode der Erfüllung des kleisthenischen Reformwerkes erreicht. Keine der betrachteten Maßnahmen läßt sich als «demokratisch» bezeichnen, weder im einzelnen noch insgesamt. Alles nahm seinen Ausgang von der Lage unmittelbar nach der Vertreibung der Peisistratiden, inspiriert von den persönlichen Geschicken der nichtpeisistratidischen Aristokraten. Sie konnten nur deshalb vorgebracht und ausgeführt werden, weil ein aristokratischer Konsens jene Mehrheit der Stimmen sicherte, welche in jeder Verfassung erforderlich ist, es sei denn, die Verfassung ist durch einen Tyrannen, Despoten, oder eine despotische Oligarchie außer Kraft gesetzt.

3.  Die Vierhundertneunzigerjahre. — Das erste Jahrzehnt des 5. Jh. ist spärlicher bezeugt als das gesamte letzte Drittel des 6. Jh. Der Prosopographiker findet kaum Material, mit welchem er sich beschäftigen könnte — es sei denn, er nimmt Zuflucht beim Erfinden von PRO/SWPA. Die Namen von insgesanit elf prominenten Persönlichkeiten sind uns bekannt: acht Archonten,56 ein Stratege,57 ein Tragiker,58 ein Flüchtling bzw. Heimkehrer.59 Historische Fakten sind noch spärlicher gesäht: die Athener nehmen an der Brand

 

   

   

 

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schatzung von Sardes teil und ziehen sich bald darnach zurück,60 Hafenbau im Archonjahr des Themistokles,61 die Inszenierung einer Tragödie zum Thema der Brandschatzung von Milet und die Bestrafung des Dichters durch die Volksversammlung Athens,62 schließlich Miltiades’ gerade noch gelungene Flucht nach Athen, seine Strafverfolgung und sein Freispruch wegen «Tyrannis» auf der Chersones, seine Wahl durch das Volk zum Mitstrategen für 490/489.63 Es gibt dagegen — dies ist wichtig — keine Spur irgendwelcher Versuche weiterer Verfassungsreformen.

Versuche wurden unternommen, die Geschichte der Vierhundertneunzigerjahre zu rekonstruieren: gewaltiger Parteienzank habe sich zugetragen, eine tyrannenfreundliche Partei samt Anführer lasse sich identifizieren, das Auf-und-Nieder dieser Partei (und das entsprechende Nieder-und-Auf der Gegenpartei) sei feststellbar, und die «Alkmeoniden» seien bei jedem politischen «Pferdehandel» heftig beteiligt. Ist dies wirklich des Historikers einleuchtendste Antwort auf eine einfache Frage?64 Wenig ist über diese Jahre bekannt, weil sich wenig zutrug — so jedenfalls möchte ich antworten.

Die Sachlage läßt sich auch durch Athens Rolle im ionischen Aufstand nicht klären. Man beschloß, die Ioner zu unterstützen, in einer außenpolitischen Entscheidung. Solche Entscheidungen konnen, müssen aber nicht, Licht auf die Innenpolitik werfen. Die nämliche politische Clique und die nämliche Volksversammlung, welche zuerst für das Eingreifen stimmten, konnten ohne Gesichts-

 

   

   

 

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verlust ihren Standpunkt später verändern. Auch vermag man sich eine beliebige Anzahl möglicher, völlig unpolitischer Gründe dafür auszudenken, die ebenso glaubwürdig (und ebenso unbezeugt) wie die propersische und protyrannische «Partei» wären.65

Die *MILH/TOU A(/LWSIS des Phrynichos66 ist nicht erhalten, auch ist keine Zeile erhalten, die uns den Schlüssel zum Verständnis des Titels und der Reaktion der Athener anbietet. Das Sprichwort PA/LAI POT' H)=SAN A)/LKIMOI *MILH/SIOI67 läßt sich als iambischer Trimeter skandieren. Der Vorschlag, es handle sich um einen Vers aus der Tragödie des Phrynichos, ist verführerisch.68 Vielleicht wurde Phrynichos verurteilt, weil er, irgendwie geschmacklos, ein wenig schmeichelhaftes Bild der Milesier zeichnete.69

Kräfte von auswärts waren es, die die Rückkehr und den Wiedereintritt in die Politik Athens seitens Miltiades’ verursachten, weshalb dies ein Sonderfall ist. Seine E)XQROI/ (die anonym bleiben)70 zerrten ihn vor Gericht — mehr läßt sich nicht sagen, außer daß es im griechischen politischen Leben verwunderlich gewesen wäre, wenn Miltiades keine Feinde gehabt hätte. Wahrscheinlich fand sein Prozeß zur selben Zeit statt, als Mardonios seinem Unglück bei Athos entgegensegelte.71 Der Prozeß diente auch als «Meinungsbefragung», und sein Freispruch stärkte die Causa der «Nichtap-

 

   

   

 

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peaser». Danach wurde Miltiades, der «große alte» Aristokrat und Mitglied der Areios-Pagos-Rates, zum Strategen gewählt: Er war offensichtlich beliebt genug bei den Massen sowie auch bei den Aristokraten, die das Massenvotum erbringen konnten. Schließlich: Miltiades wußte wohl besser als jeder Athener was Schiffe bedeuten — er konnte sie tagtäglich an der Chersones vorbeisegeln und -rudern sehen, und er war der erste Athener, der eine großangelegte Flottenexpedition Athens in die Agäis anführte. Themistokles, um eine ganze Generation jünger, war, wenn er der visionäre Mann der Flottenpolitik war, ein politischer Verbündeter des Miltiades, vielleicht sogar nur ein Nachfolger in den Fußstapfen des Miltiades. Jedenfalls muß für eine Rivalität zwischen den beiden in den Jahren 492 bis 489 erst ein Beweis, der schlüssig ist, gefunden werden.72

Nun könnte man durchaus vermuten, daß Ereignisse der zweiten Dekade des 5. Jh. sich der Erhellung der ersten Dekade anbieten. Gewiß, die *A)QHNAI/WN POLITEI/A bezeichnet die ersten drei Opfer des Ostrakismos als TOU\S TW=N TUPA/NNWN FI/LOUS.73 Wer sind diese

 

   

   

 

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«Tyrannen»? Hippias wurde zuletzt gesehen, als er seinen letzten verbleibenden Zahn am Strand bei Marathon verhustete;74 seine Seele wird sein (imaginäres) E(/RKOS O)DO/NTWN bald danach verlassen haben. Sein Bruder Hipparchos war seit über einem Vierteljahrhundert tot. Thessalos’ Geschick bleibt unbekannt. Von Peisistratos’ Enkeln kennen wir nur Peisistratos, Sohn des Hippias, mit Namen; war er noch am Leben, wäre er in seinen Sechzigern gewesen.75 Weder der jüngere Peisistratos noch sonst irgendein Peisistratide (solche begleiteten laut Herodotos den Xerxes nach Hellas)76 könnte jedoch mit auch nur annähernder Genauigkeit als «Tyrann» bezeichnet werden. Natürlich bezieht sich die *A)QHNAI/WN POLITEI/A gar nicht auf einen bestimmten «Tyrannen», geschweige denn auf eine hochverräterische propeisistratidische «Partei» in Athen in den Vierhundertneunzigern. Aber vielleicht gab es doch eine ganz allgemein protyrannische «Partei»? Dies ist grundsätzlich nicht auszuschließen. Es würde freilich a priori die angebliche Bedeutung der peistratidischen Verbindung des Hipparchos, Sohn des Charmos, des Archons von 496/495,77 zunichte machen. Die Perser, wie wir uns erinnern, hatten sich die Rückführung des Peisistratiden Hippias zum Ziel gesetzt. Auch gibt es keinerlei Grund zu vermuten, daß sie sich mit weniger als totaler Unterwerfung zufriedengegeben

 

   

   

 

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hätten.78 Eine athenische protyrannische «Partei» wäre jedoch in jedem Falle auf Hilfe von außen angewiesen gewesen79 — woher, ist nicht leicht zu erkennen (ließe man die peisistratidische Verbindung fallen): Die Spartaner hatten sich ihre Finger böse verbrannt; auch hätten sie nach dem Kongreß in Sparta allein handeln müssen, gegen die Neigungen ihrer Verbündeten.80 Kurz und gut: Die Theorie einer protyrannischen «Partei» im Athen der Vierhundertneunzigerjahre, welche sich auf die Archonschaft des Hipparchos, Sohn des Charmos, im Jahr 496/495 und auf seinen Ostrakismos im Jahr 487 stützt, und die sich zugleich auf die (m.E. rein interpretatorische) Bemerkung in der *AQHNAI/WN POLITEI/A beruft, ist logisch unhaltbar.

Endlich die Schlacht von Marathon und die ihr vorausgehenden Vorgänge: auch hier finden wir keine Anhaltspunkte für die Existenz (geschweige denn die Stärke) einer protyrannischen «Partei» von Hochverrätern. Kein Hinweis findet sich, demzufolge die Frage, ob man den Persern Widerstand entgegensetzen solle, auch nur diskutiert wurde. Daß es einige Debatten zur Strategie des Widerstandes gab, braucht nicht zu verwundern. Herodotos’ Argumente, die er dem Miltiades in den Mund legt,81 als jener sich um die Unterstützung des Kallimachos bemühte, drehen sich um einen allgemeinen Stimmungswechsel — keinesfalls einer gewissen «Partei» sondern «der Athener» schlechthin.82 Gerade des Herodotos Schweigen diesbezüglich ist bedeutsam, da er andererseits das

 

   

   

 

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eigentümliche Schildsignal nach der Schlacht ausführlich erörtert.83 Auch scheint es niemandem eingefallen zu sein, den Vorfall irgendwie mit Hipparchos, dem Sohn des Charmos, in Verbindung zu bringen, wie man erwarten sollte, wäre er eine wichtige Figur in der angeblichen protyrannischen «Partei» gewesen. Das Urteil ist in diesem Fall — - wie in allen anderen Fällen, die wir nach Hinweisen für die in der modernen Literatur so vertraute Zweiparteienwirtschaft durchleuchteten —: non liquet.

So scheint es denn wahrscheinlich, daß die ein wenig «mysteribse» Dekade der Vierhundertneunzigerjahre im großen und ganzen so ruhig und «normal» verlief, wie man es im politischen Alltag Athens erwarten kann — ja sogar «normaler» als die vorangehenden und die nachfolgenden Jahrzehnte (und vielleicht jede beliebige andere Periode des 5. Jh.). Meines Erachtens ist dieses Ergebnis völlig im Einklang sowohl mit der Quellenlage als auch mit den innenpolitischen Ereignissen bis 501/500.

Der athenische Staat war noch in der Hand der Aristokraten. Er war erfolgreich umgebaut worden. Das Prinzip der Rechtssicherheit sowie jenes des gleichen Rechts für alle, getragen von einer Politik eines breiten Konsens der Mehrheit, ohne Bedrohung von außen, «funktionierte» ganz einfach. Das Werk des Kleisthenes und seiner Mitstreiter, Mitläufer und Nachfolger erwies sich als ein voller Erfolg — sofern Erfolg in der Politik überhaupt möglich ist. Stasis als «legitimes» Mittel, die politische Macht zu erringen, war ebenso erfolgreich ausgeschaltet worden wie Tyrannis als eine Regierungsform.

4.  The Vierhundertachtzigerjahre. — Im Herbst 490 wehrten die Athener einen Angriff der Perser ab: weltgeschichtlich vielleicht ein kleineres Scharmützel84 — im Kollektivgedächtnis der Athener je-

 

   

   

 

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doch war Marathon ihre größte Stunde.85 Die Stimmung der Athener schlug auch nicht sogleich in gebannten, erwartungsvollen Schrecken um. Optimismus,86 nicht Pessimismus, überwog. Nur wenige Athener werden weitsichtig genug gewesen sein, um zu erkennen, daß die Tempel eben der Götter, die ihnen bei Marathon beistanden,87 von denselben Persern zerstört werden würden (noch hätte ein Athener die nötige Überredungskunst besessen, um seine Landsmänner dahingehend zu überzeugen, daß der «Weltuntergang» erst bevorstand). Sowohl die archäologischen wie auch die historischen Quellen können diese Auffassung belegen. Auf der

 

   

   

 

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Akropolis wurde ein archaischer Großtempel geschleift, um Platz für einen neuen Athenatempel zu schaffen: dieser Neubau war 480 erst teilweise errichtet und seine rußgeschwärzten Bauelemente wurden anschließend in die nördliche Stützmauer der Akropolis verbaut oder blieben unter den Fundamenten des Parthenon.88 Eine Flottenexpedition, wie sie Athen bisher noch nicht gesehen hatte, wurde von Miltiades in der Agäis in Gang gebracht.89 Der irrige Sinn der Zuversicht und Sicherheit verleitete die Athener beinahe sogar dazu, ihre Flotte zu vernachlässigen — hätte es nicht die Überzeugungskraft der Rede des Themistokles verhindert: neu erschlossene Einkünfte einer Silbermine wären noch im Jahr 483/482 fast an die Bevölkerung verteilt worden.90 Und im selben Jahr gaben die Athener ein weiteres Beispiel ihrer Voreingenommenheit mit vergleichsweise kleinlichen Dingen angesichts der Persergefahr: man beschloß, nach einer Pause von zwei Jahren einen weiteren Ostrakismos abzuhalten.91

 

   

   

 

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Die Atmosphäre des allgemeinen Optimismus und der Zuversicht nach Marathon zeigt sich auch in der Archonschaftsreform sowie im Beginn der tatsächlichen Anwendung des Ostrakismosgesetzes. Die wiederum entdeckte Freude an Verfassungsreformen scheint drei Parallelen in der vorangehenden Zeit widerzuspiegeln: Nach dem Abzug der Peisistratiden — der sogenannte Diapsephismos und das Psephisma gegen die Folterung von Bürgern; nach dem Abschmettern des Isagoras und seines königlichen spartanischen Verbündeten — die Reformgesetzgebung, mit welcher die Demenverwaltung, die Trittyen und die Phylen geschaffen wurden; im Anschluß an Athens Sieg im «Dreifrontenkrieg» — der Bouleuteneid und die Strategiereform. Indes wurde in jedem dieser Fälle Reform nicht um ihrer selbst willen eingeleitet; noch wurde Reform zum Zweck des systematischen Weiterbauens an einem langfristigen Plan, einer Vision einer Regierungsform der Zukunft, durchgezogen. In jedem einzelnen Fall waren die Ursachen in einem unmittelbar auftretenden Problem der unmittelbaren Vergangenheit bzw. der Gegenwart selbst zu finden und die Absicht war einfach, daß «etwas geschehen mußte».

Die Archonschaftsreform ist nur in der *AQHNAI/WN POLITEI/A (22,5) bezeugt und datiert. Betreffend gewisse Detailfragen sei zuerst einmal die von mir übernommene Meinung anderer Gelehrter vorgebracht. Ich akzeptiere die Vermutung, daß die Übertragung des Vorsitzes der Volksversammlung vom Archon Eponymos auf die Prytanen92 sowie diejenige bestimmter Funktionen des Archon Polemarchos von jenem Archon auf die Strategen93 in denselben Reformkontext einzuordnen seien, da hierdurch die Archonschaft in sich ausgeglichener wurde. Auch nehme ich den Vorschlag an,

 

   

   

 

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daß durch dieselbe Verfassungsgesetzgebung der Sekretär der Archontes Thesmothetai damals in eine Stellung umgewandelt wurde, die durch dieselbe Prozedur wie die neun Archontenstellen besetzt wurde, so daß eine jede der zehn Phylen nun einen Kandidaten aus ihren eigenen Reihen94 durch das Los bestimmen konnten. Betreffend zwei weitere einschlägige Fragen, möchte ich meine Ansicht vorausschicken: Ich meine, daß Telesinos der erste Archon Eponymos war (und mit ihm zugleich die anderen acht Archonten sowie der Sekretär der Archontes Thesmothetai), der nach der neuen zweistufigen Prozedur (Prokrisis und Auslosung) in sein Amt kam, das er 487/486 innehielt.95 Ich stimme mit anderen Gelehrten darin überein, daß die Zahl von fünfhundert durch Prokrisis erstellten Kandidaten unglaubwürdig, ja unmöglich ist.96 Daher schlage ich die folgende Emendatio von *A)Q. POL. 22,5 vor: EU)QU\S DE\ TW=I U(STE/RWI E)/TEI E)PI\ *TELESI/NOU A)/RXONTOS E)KUA/MEUSAN TOU\S E)NNE/A A(/RXONTAS KATA\ FULA\S E)K TW=N PROKRIQE/NTWN U(PO\ TW=N [DH/MWN] (DH/MWN B: DHMOT(WN) L) PENTAKOSI/WN (BL: E(KATO/N Kaibel) T/OTE META\ TH\N TURANNI/DA PRW=TON: OI( DE\ PRO/TEROI PA/NTES H)=SAN AI(RETOI/.97

 

   

   

 

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Martins Charakterisierung der Bedeutung des Loses läßt sich nicht verbessern: «Das Los hat jedoch zunächst nichts mit Demokratie, sondern nur etwas mit Gleichheit zu tun.»98 So wurde auch im Jahr 487 die Archonschaft nicht breiteren Kreisen zugdnglich gemacht, wie Martin unterstreicht.99 Die Einschaltung des Loses im Auswahlvorgang für die Archonschaft zeigt daher, daß es im Jahr 487 um das Prinzip der Gleithheit unter den Adligen ging.

Das Los war jedoch nur für die zweite und letzte Stufe des gesamten Vorganges. Das Prinzip der Vorauswahl (PRO/KRISIS) verstärkt den Eindruck eines rein aristokratischen Charakters der Reform. Es waren zweifellos die Aristokraten (und ähnlich einflußreiche Persönlichkeiten), die ihren Einfluß dadurch fühlbar machen konnten, daß die Bouleuten ihren Demoten (und vermutlich auch ihren Demarchen) Rechenschaft abzulegen hatten wie nie zuvor. «People power» kommt daher gewiß nicht von der Bohne (KU/AMOS als Los) — jedenfalls nicht 487.

Bis 487 waren die Archonten nicht nach dem Zehnerprinzip und anderen Elementen der kleisthenischen Reformen ausgesucht worden. Diese Asymmetrie verschwindet jetzt. In der Auswahl der Archonten werden nun die Demen als Hauptpartner eingeführt — mit der Boule als dem Zwischengänger. Wir sahen bereits, daß seit Ein-

 

   

   

 

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führung der Demen diese die Grundlage wurden. Die Archonschaft wurde nun ungemein repräsentativer für ganz Attika, da die Demen an der Auswahl der Archonschaftskandidaten durch die Boule viel mehr Anteil nehmen konnten. Durch die Auslosung nach Phylen wurden diese ebenfalls gleichmäßiger vertreten: Jede Phyle stellte einen Strategen und einen Archon.100

Sehen wir uns nun die Folgen der Archonschaftsreform auf die bereits existierenden Ämter an. Es scheint mir, daß weder die Übertragung des Vorsitzes der Volksversammlung auf die Boule der Fünfhundert, noch die Aufgabe der Boule, die Archonschaftskandidaten für die Endauslosung auszusuchen,101 als größere Reformen gedacht waren. Doch weisen sie in eine bestimmte Richtung: das Machtpotential der Boule der Fünfhundert wuchs bis zu dem Punkt, da die Boule dann imstande war, jenen coup ’état, in welchem der Areios-Pagos-Rat aus der Politik verdrängt wurde, auszuführen. 487 läßt sich jedoch noch keine klare Absicht oder Richtung erkennen.

Abgesehen davon, daß die Boule mit politischem Potential auasgestattet wurde, welches weitreichende Folgen haben sollte, hatte die Archonschaftsreform von 487 auch sonst noch Folgen. Wdhrend 490 der Archon Polemarchos noch die Athener Hoplitenphalanx führte und das Kommando über den rechten Flügel führte sowie durch sein Votum die Debatte unter den zehn Strategen entscheiden

 

   

   

 

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konnte,102 ist er 479 gewissermaßen in der Versenkung verschwunden. Zurück bleibt eine Strategie ohne ihren Anführer: zehn Einzelmänner.103 490 waren die Strategen von der Volksversammlung nach Marathon detachiert worden, um den Feind zu bekämpfen — gewiß nicht, herumzusitzen und darüber zu debattieren, ob sie kämpfen sollten.104 Hätte es dem Archon Polemarchos, Kallimachos. gefallen, seine Stimme gegen die (Miltiades zugeschriebene)105 Meinung, man müsse die Schlacht annehmen, abgegeben, dann hätte es keine «Schlacht von Marathon»gegeben. Es ist klärlich dem Geist des kleisthenischen Staates entgegengesetzt, wenn eine einzelne Person in der Lage ist, mit ihrer einen Stimme eine Sache der größten nationalen Bedeutung zu entscheiden. Wenn wir 480 erreichen, hören wir wenig von den Strategen.106 Gewiß gab es

 

   

   

 

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da einen Erlaß, von so erschütternder Wichtigkeit, daß er den Bürgern riet, sich selbst um sich selber zu kümmern, ein jeder für sich. Sie waren, wie Aristoteles freundlich anmerkt, am Ende ihres Witzes.107 Sogleich nach Marathon ließ sich Miltiades108 auf eine Flottenexpedition aussenden mit einer Ermächtigung, die er dahingehend deutete, daß er umkehren konnte, wann er wollte, ohne Beute, ohne sonst irgendeinen Erfolg. Er wurde dann vor Gericht gestellt (vor der Volksversammlung als Gerichtshof).109 479, bald nach Plataiai, hielten die Generäle (darunter Xanthippos) sich buchstabengetreu an die Befehle der Versammlung. Sie weigerten sich glatthin, obwohl ihre Soldaten (und damit auch Mitbürger) sie drängten, die Belagerung von Sestos aufzuheben und heimzusegeln — es sei denn, sie würden offiziell zurückberufen.110

Man braucht keine allzu lebhafte Phantasie, um darin eine Art Verhaltensmuster zu sehen. Ich jedenfalls schließe daraus, daß die Strategie sich in den letzten dreizehn Jahren als problematisch und mangelhaft herausgestellt hatte. Nun aber waren die Strategen notwendigerweise unter genauere Kontrolle gekommen. Sie mußten für ihr Verhalten Rechenschaft ablegen können und sich an die Befehle des Volkes halten. Anderenfalls würden sie, unter dem Prinzip der Rechtssicherheit, nichtsdestoweniger belangt, sei es in der Volksversammlung oder vor dem Areios-Pagos-Rat.111

Auch der Areios-Pagos-Rat begann die Folgen der Archonschaftsreform von 487 zu fühlen. Da dieser Rat sich weiterhin aus gewesenen Archonten rekrutierte, läßt sich alldas, was sich zur Archonschaftsreform behaupten ließ, auich für den Areopag feststellen. Auch dieser wurde nun mit dem kleisthenischen System «gleichgeschaltet». Derart war seine Daseinsberechtigung noch ein-

 

   

   

 

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mal verlängert worden. Er wurde jetzt wahrhaftig repräsentativ für die attische Nobilität. Bloß ein Jahrzehnt darnach (die sogenannte Kimonische Ära beginnt gerade) mag bereits ein ganzes Drittel der Areopagiten durch die neue Auswahlprozedur gegangen sein, in welcher (wie ich oben nachzuweisen hoffte) die kleisthenische Boule der Fünfhundert, in der sich alle Demen vertreten fanden, die Kandidaten vorauswählte. 462 können nur mehr sehr wenige Areopagiten aus der Zeit vor 486 übrig gewesen sein. Es mag also durchaus zutreffend sein, was Aristoteles behauptet: nämlich, daß es eine Zeit gab, in der der Areios-Pagos-Rat seine Macht wieder bestätigen konnte und «den Staat regierte».112 Doch war dies nur ein «Indian Summer», und es konnte nicht lange anhalten; und es mag eine Ironie der Geschichte sein, daß die Ratsherren, die auf dem Areios Pagos zusammentraten, von den Ratsherren des Volkes vorausgewählt werden mußten. Wie dem auch sei, es scheint mir, daß die Aussage der Eumeniden des Aischylos viel durchschlagender ist, wenn der Areios-Pagos-Rat ein mächtiger war, der vier Jahre früher einem «Staatstreich» zum Opfer gefallen war.

Die Zerstörung des Areios-Pagos-Rates ist m.E. keineswegs eine Folgeerscheinung der Archonschaftsreform, die sich über ein Vierteljahrhundert (von 486 bis 462) wie ein langsames Sterben hinzog,

 

   

   

 

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wobei Ephialtes nur noch den Gnadenstoß erteilte. Der Areios-Pagos-Rat starb nicht eines «natürlichen» Todes — er wurde gemordet. Es war nicht im Jahr 487, daß der Areios-Pagos-Rat zur Unbedeutung verdammt wurde — im Gegenteil! Und es war eine direkte Folge der Zerstörung des Areios-Pagos-Rates im Jahr 462, daß im Jahr 457 (nicht ein Vierteljahrhundert sondern nur fünf Jahre verzögert) der erste Zeugit das Amt des Archon Eponymos antreten konnte. Die Archonschaft hatte nun ihr aristokratisches Prestige verloren.113

Die Archonschaftsreform von 487 war demnach eine wesentliche Reform, wenngleich nicht ganz im herkömmlichen Sinn. Ich deute die Reform dahingehend, daß sie eine Fortsetzung und Ausweitung der kleisthenischen Reformen darstellt, indem sie Archonschaft und Areios-Pagos-Rat der kleisthenischen Demenverwaltung anglich. Dadurch wurde die Archonschaft aufgewertet, während die Strategie abgewertet wurde. Man darf jedoch weder nach demokratischen Intentionen noch überhaupt irgendeinem demokratischen Konzept in dieser Reform suchen.

Falls das neue Verfassungsgesetz bereits (wie ich annehme) für die Auswahl und Auslosung der Archonten für 487/486 in Kraft getreten war, muß es einige Zeit vor dem Ende des Archontenjahres 488/487 rechtskräftig geworden sein. Demnach wären die letzten Debatten darüber zur selben Zeit wie das Votum im Frühjahr 487 über die erstmalige Anwendung des Ostrakismosgesetzes abgehalten worden.114 Meines Erachtens wissen wir noch zuwenig über die Bedeutung der Ostrakismoi der Vierhundertachtzigerjahre,115 doch mag Plutarch in die rechte Richtung weisen: Er erzählt von einem analphabetischen Bauern, dem es auf die Nerven ging, daß Aristeides immerzu «der Gerechte» genannt wurde116 — welch eine gründlich unpolitische «Verfehlung» des Aristeides! Wir können

 

   

   

 

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uns hier nicht eine weitere Diskussion über Ostrakismos leisten,117 doch sei mir erlaubt, einige Ansichten zu äußern. Das häufig zitierte Gewühl von «Parteien» aller Schattierungen, von propersisch und protyrannisch oder propeisistratidisch zu antipersisch und antipeisistratidisch, antityrannisch, ja sogar radikaldemokratisch, mit «den Alkmeoniden» bequemerwiese da oder dort beigemengt — all dies ist nach wie vor unbewiesen und unbeweisbar, noch können die Ostrakismoi118 oder die Ostraka 119dabei helfen. Bis wir

 

   

   

 

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Evidenz ausfindig machen, sollten wir derlei Spekulation am besten in den Mülleimer anachronistischer Historiographie verbannen.

5.  Das Aufblühen der Athenischen Demokratie. — Zum Beschluä möchte ich mahnen, attische Politik weder in Systeme oder in Schemata zu pressen, die unsere eigenen Vorstellungen befriedigen. Wir haben es nicht mit einer Welt der Ordnung zu tun, vielmehr mit Chaos. Wir besitzen kein Recht, dieses in sein «wahres» oder «ursprüngliches» Erscheinungsbild von schöner Ordnung und Einfachheit zurückzuverwandeln, indem wir in ihm sehen, was es nicht ist. Die Alte Welt ist eine Fremde Welt. Sie ist auch eine seltsame Welt. Athen ist keine Ausnahme.

Unser Ideal der Demokratie war unbekannt. Jene eigentümliche Form von Regierung und Verwaltung, welche wir als Attische Demokratie bezeichnen, wurde zwischen 510 und 480 v.u.Z. weder geboren noch verbessert. Dennoch ist dieses circa Vierteljahrhundert eine Zeit großer Bedeutung. Es ist eine Periode des Überganges von archaischer Tyrannis zu klassischer Demokratie. Im kleisthenischen Staat wurden die aristokratischen Prinzipien der Gleichheit und der Rechtssicherheit vorrangige Verpflichtungen des Staates. Durch die Erschaffung des Demensystems wurde ein breitgestreutes Verwaltungssystem errichtet. Daher ist dies nicht nur eine Periode des Überganges, sondern auch eine, in der Grundlagen gebaut wurden.

Tatsächliche Geburt und Entwicklung der Demokratie in Athen gehört einer anderen Generation an — in einer aufgeklärten Welt, die ihre Strahlkraft dem steilen Aufstieg des intellektuellen Individualismus verdankt, und in welcher die wissenschaftlichen und künstlerischen Fachgebiete sich von den Fesseln der Tradition des archaischen Zeitalters losreißen. Dies ist die Folge der rapiden Beschleunigung der Evolution des griechischen «Geistes» (womit dem aristokratischen Zeitalter die Stunde schlägt); dadurch wird das Exempel Athens erst möglich. Die intellektuelle Stagnation, in welche

 

   

   

 

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die klassische Welt bald wieder zurückversinken sollte, wäre vielleicht niemals zerrissen worden, wäre diese Welt nicht von der Aufklärung ins Wanken gebracht worden. Athen, als der Brennpunkt, ist der gesamten griechischen Welt verpflichtet.

Wo erblühte die Demokratie? Wann erblühte die Demokratie? In Athen, müssen wir wohl sagen — als es sich erhob als auslösender Brennpunkt des hellenischen Geistes und Intellekts (und Imperialismus). In der politischen Arena kommen einige Namen einem sogleich in den Sinn: Ephialtes ..., Perikles ... — doch in demselben Augenblick müssen wir uns gleichermaßen in Erinnerung rufen, daß im weiten Gebiet der Geistesgeschichte der Politiker nur einen kleinen Winkel besetzt hält: Reflex auf Wandlung öfter denn Initiator und Motor der Wandlung.120

 

   

   

 

Anmerkungen

 

*     Die vorliegende Arbeit ging aus einem Vortrag, den ich auf Einladung der Association of Ancient Historians im Mai 1975 in Columbus, Ohio, hielt, hervor. Dem ursprünglich vorgesehenen Sitzungsvorsitzenden war im März 1975 ein Text des Vortragsentwurfes zugegangen und im selben Monat mit Anmerkungen an mich zurückgeschickt worden. Nach mehrfachen Anfragen verschickte ich einen Offsetdruck des Textes an verschiedene Kollegen, so auch im Juni 1975 an Herrn Jochen Martin mit der Bitte um einen Sonderdruck seines inzwischen angezeigten Aufsatzes, welche er freundlich und prompt erfüllte. Vor die Wahl gestellt, meine eigene Arbeit ungedruckt zu begraben oder aber unter Betonung der über Martin hinausführenden Aspekte dennoch zu veröffentlichen, entschloß ich mich zu letzterem. Es verbot sich freilich, meine eigene geplante Fortführung des Themas nach Lektüre des Martinschen Artikels weiterzuverfolgen.

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1     E. Badian, Archons and strategoi, in: Antichthon 5 (1971), S. 1-34.

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2     J. Martin, Von Kleisthenes zu Ephialtes, in: Chiron 4 (1974), S. 5-42 (Zitat auf S. 40). [= ders., in: K.H. Kinzl (Hrsg.), Demokratia: Der Weg zur Demokratie bei den Griechen, Darmstadt 1995 [Wege der Forschung.657], S. 160-212; 210.]

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3     Dies schafft gewisse Schwierigkeiten in der Darstellung, da manche historischen Peripetien sich am besten durch nachfolgende Ereignisse erklären. Z.B. ist meine Auffassung vom Sinn des Ostrakismosgesetzes von grundlegender Wichtigkeit für meine im 1. Abschnitt vorgetragenen Gedanken. Durchgehend bemühte ich mich, allgemeine Entwicklungsmuster aufzuzeigen, statt in einzelnen Detailproblemen steckenzubleiben. Wenn ich die Dinge «falsch» sehe, wird daher die gesamte Rekonstruktion fallen.

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4     Der terminus technicus «was used technically for the E)CE/TASIS TW=N POLITW=N H( KATA\ DH/MOUS GINOME/NH, . . . for the regular entering of the sons of citizens into the LHCIARXIKO\N GRAMMATEI=ON», ebenso wie für «extraordinary scrutinies» (Jacoby, FGrHist 3b Suppl. Text, S. 157, 35 ff.); s. Hesych. *D 1474 DIAPSH/FISIS (vol. 1, S. 447 Latte); vgl. Ath. pol. 42,1, wo das Verbum DIAPSHFI/ZEIN sich auf den gängigen Gebrauch des Ablegens eines Eides aus Anlaß der Eintragung in die Bürgerrollen bei Erreichung der Reife durch den freigeborenen Athener bezieht. Der einzige Diapsephismos, der eine besondere Überprüfung darstellte und «historically certain» (Jacoby, a.a.O. S. 157, 33 f.) ist, fand im Jahr 346/345 statt. Es verwundert nicht, daß Aristoteles diesen Ausdruck benützt, obwohl er von einer Situation im sechsten Jahrhundert spricht; die Ath. pol. ist (zumindest im historischen Überblicksteil) voll anachronistischer Terminologie und Deutung. Indes bestätigt die Bemerkung des Aristoteles eines: daß der Autor in seinen Quellen etwas vorfand, das er anachronistisch deuten konnte; daß sogleich nach der Vertreibung der Peisistratiden gewisse Ereignisse sich abspielten, die den rechtlichen Stand mancher Einwohner Athens betrafen, und daß diese Ereignisse im Kollektivgedächtnis der Athener haftengeblieben waren.

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5     Siehe Ath. pol. 13,5.

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6     Der Diapsephismos ist per definitionem mehrdeutig, wodurch diese Möglichkeiten suggeriert werden.

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7     Dieser Schluß läßt sich durch folgendes stützen: a) die Bezugnahme auf neopolitai in Ath. pol. 21,4; b) Aristoteles’ merkwürdige Mitteilung Pol. 1275 b 36: ... *KLEISQE/NHS META\ TH\N TW=N TURA/NNWN E)KBOLH\N POLLOU\S GA\R E)FULE/TEUSE CE/NOUS KAI\ DOU/LOUS METOI/KOUS. Das Verbum FULETEUW ist selten (LSJ9 zitiert sonst keine Stelle). Es ist eine enge Parallele zu DHMOTEU/ESQAI (LSJ9 zitiert Lysias, Antiphon, Demosthenes). Die Bürgerdekrete des vierten Jahrhunderts beziehen sich (ausnahmslos, soweit ich feststellen kann) auf alle drei, d.h. phyle, demos, phratria (IG2 2-3, 4, 1, S. 55 [index], POLITEI/A). In seiner Beschreibung der Prozedur für die Epheben (Ath. pol. 42) beginnt Aristoteles, ganz natürlich, mit den Vorgängen in den Demen. Weshalb benützte Aristoteles (trotz seiner normalen Neigung, anachronistische Ausdrücke einzusetzen) das ungewöhnliche Verbum? Ich kann nur folgendes annehmen: weil er sich im klaren darüber war, daß (unmittelbar nach der Vertreibung der Tyrannen) das Bürgerrecht noch dadurch verliehen wurde, daß die betreffenden Personen in den alten vier Phylen eingeschrieben wurden (bevor die Demen die Schlüsselrolle in der Administration der Staatsbürgerschaft übernahmen — DHMOTEU/ESQAI).

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8     Andok. Myst. (1) 43. Vgl. Ostwald, Nomos and the beginnings of the Athenian democracy, 1969, S. 140 — der auch das «revival» des «Draconian Law» datiert, «under which anyone attempting or abetting the establishment of a tyranny at Athens was declared an outlaw» (ebd.) — zusammen mit der bei Thuk. 6,55,1f. im selben Zusammenhang erwähnten Stele. Ostwald erkennt indes nicht, daß Kleisthenes hinter all dem steckt. (Zur athenischen Gesetzgebung gegen Tyrannis siehe Ostwald, in: TAPhA 86 [1955] 103-128.)

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9     T.J. Cadoux, in: JHS 68 (1948), S. 113; vgl. Ostwald, Nomos S. 141.

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10     Dies geht ganz klar aus Herodotos hervor (trotz Aristoteles’ «Verständnis», d.h. Mißverständnis, von Herodotos, Ath. pol. 20,1). Hdt. 5,66,12 lesen wir: O( *KLEISQE/NHS TO\N DH=MON PROSETAIRI/ZETAI. Das Verbum kehrt noch an zwei Stellen wieder (3,70,2; 3). Dort setzt Otanes seine Verschwörung in Gang, indem er gegen den Pseudo-Bardiya erst Aspathines und Gobryes veranlaßt, sich ihm anzuschließen (PARALABW/N, 3,70,1); dann beschließen diese drei Verschwörer E(/KASTON A)/NDRA *PERSE/WN PROETAIRI/SASQAI TOU=TON O(/TEWI PISTEU/EI MA/LISTA; dementsprechend zieht Otanes an sich (E)SA/GETAI, 3,70,2) den Intaphrenes, Gobryes den Megabyxos und Aspathines den Hydarnes; diese Sechs beschließen dann, KAI\ *DAREI=ON PROSETAIRI/SASQAI (3,70,3). Keine dieser Persönlichkeiten wäre für sich allein ein nützlicher Zuwachs gewesen, hätte sie nicht eine beträchtliche Gefolgschaft mit sich gezogen. Im Fall des Atheners Kleisthenes konnte die Gefolgschaft nur wegen der Anführer aus dem Adel beschafft werden. Die zwei Herodotosstellen zeigen uns daher gewissermaßen die zwei Seiten einer Münze, mit jeweils der Auslassung der anderen Seite. Das Massengefolge der noblen Anführer ist in Herodotos 3,70,2f. ausgelassen; in Herodotos 5,66,2 dagegen (und vielleicht, weil Herodotos die Namen einfach nicht mehr ausfindig machen konnte) fehlen die Namen der Anführer. Obwohl Ostwald, Nomos, S. 143, das Problem klar erkennt, trennt er unnögerweise Volk und Anführer aus der Aristokratie: Kleisthenes «made the people that which his aristocratic E(TAI=ROI had been before, namely, the main source of his political support». Übrigens macht Herodotos es völlig deutlich, dals ihm nichts von der Art vorschwebt, was Aristoteles aus dem Verbum PROSETAIRI/ZESQAI herauslesen will, indem er es mit PROTI/QESQAI (5,69,2) , PARALAMBA/NEIN (3,70,1) und E)SA/GESQAI (3.70,2) alternieren läßt, als ob alle Synonyme wären. Bezüglich die entsprechende Bedeutung von DH=MOS siehe meine im Druck befindliche Arbeit in: Gymnasium [85 (1978) 117-127; 321-327], für Herodotos 5,66,2 und 5,69,2 [S. 314f.]

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11     Vgl. Ostwald., Nomos, S. 144.

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12     Hdt. 5,66-73; vgl. Ath. pol. 20. Beachte bes. Hdt. 5,72,2, der unmißverständlich von den Anhängern der Männer in der Boule (zweifellos Aristokraten) schreibt, welche (gewiß Gemeine) den Rat in die Lage versetzten, Widerstand zu leisten. Man möchte den Gedanken weiterspinnen und annehmen, daß es eben wegen der Tüchtigkeit der Boule, mit ihren Mitgliedern aus vielen Dörfern, möglich wurde, an eine Demenreform zu denken.

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13     B.D. Meritt, in: Hesperia 8 (1939), S. 59ff.; SEG 10, Nr. 352; vgl. D.W. Bradeen, in: Hesperia 32 (1963), S. 187ff. und Abb. 58f.

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14     Busolt (Griech. Gesch.2, S. 402) ernannte Kleisthenes in der Tat zum Archon Thesmothetes, oder zum Archon Eponymos für 509/508; vgl. Schachermeyr, in: Klio 25 (1932), S. 335 = Forschungen und Betrachtungen zur griechischen und römischen Geschichte, 1975, S. 61, gegen derlei Versuche.

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15     Z.B. Alkibiades (Isokr. 16,25; PA Nr. 597; J.K. Davies, Athenian propertied families, 1971, S. 15); Kallias ([Hdt.] 6,122; PA Nr. 1833; Davies, S. 255f.); Leogoras (Andok. Myst. [1] 106; PA Nr. 9074; Davies, S. 27f.).

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16     Die Lage des «Kleinen Mannes» mag sich nach den Tagen des «Goldenen Zeitalters» des «Alten Tyrannen» verschlechtert haben, doch mindestens auch, wenn nicht vornehmlich, wegen der Zwietracht unter den Aristokraten nach der Befreiung und gewiß nicht nur wegen der peisistratidischen Tyrannei. Ein außenpolitisch schwächeres Athen war im Außenhandel schwächer; Ausländer siedelten in geringeren Zahlen nach Athen um; die Abwesenheit oder gar Enteignung der adligen Häuptlinge störte Ackerbau, Handel und Gewerbe, da dies auf Rache, nicht Reform abzielte. Verbesserte sich die Lage der Adligen insgesamt, verbesserte sich auch die der «Gemeinen».

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17     Hdt. 5,62 f.; vgl. Verf., in: Hermes 102 (1974), S. 179-190, und bes. in: RhM 118 (1975), S. 193 ff.

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18     So z.B. E. Ruschenbusch, in: Gnomon 43 (1971), S. 414-416 (Bespr. Ostwald, Nomos).

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19     Vgl. A.R.W. Harrison, The Law of Athens, 2, 1971, S. 205-207. Siehe auch die ausgezeichneten Beobachtungen von D.M. Lewis, in: Historia 12 (1963), S. 38 (vgl. auch S. 35, und A. Andrewes, in: JHS 81 (1961), S. 13f.)

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20     Vgl. R. Sealey, in: Historia 9 (1960), S. 155-180 = Essays in Greek politics, 1967, S. 9-38.

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21     Vgl. S. Solders, Die außerstädtischen Kulte und die Einigung Attikas, 1931.

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22     Vgl. noch immer J. Toepffer, Attische Genealogie, 1889 (Nachdr. 1973).

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23     Vgl. Lewis, a.a.O., S. 37 («Cleisthenes had learnt ...»).

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24     Ich muß betonen: ein komplexes Reformgebäude kann nicht von oben nach unten errichtet worden sein. Der Anfang muß mit der Basis gemacht worden sein, d.h. den Demen. Die Demenreform war der erste Schritt, die Demen sind das Fundament aller folgenden Reformen. Vgl. die Beobachtungen von Lewis, a.a.O., S. 38.

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25     Aristot. Pol. 1319b26; Ath. pol. 21,1 und 3 (man muß es Herodotos hoch anrechnen, daß er von alldem nicht «weiß»).

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26     Siehe V. Ehrenberg, From Solon to Socrates, 21973, S. 411 Anm. 34, bezüglich «theories ... of an exact chronology of the events». Hdt. 5,66 und 69, und Aristot. Ath. pol. 20f. werden in der Auslegung Schachermeyrs, in: Klio 25 (1932), S. 345 = Forsch. S. 71 zur Deckung gebracht; H.T. Wade-Gery, CQ 27 (1933), S. 17-19 = Essays in Greek history, 1958, S. 136ff.; Ostwald, Nomos S. 142ff. Hdt. und seine Verteidiger waren im Recht., wenn sich nachweisen ließe, daß der erste dithyrambische Agon (Marmor Parium, FGrHist 239 A 46), welcher ein Agon phylischer Choroi war, von zehn Choroi Anfang 508 bestritten wurde (zum Jahr siehe Cadoux, in: JHS 68 (1948, S. 113).

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27     Es scheint nun allgemein anerkannt, daß Kleisthenes nicht genau (i)einhundert Demen einrichtete (trotz Bengtson, Griech. Gesch.5, S. 144); vgl. Schachermeyr, Frühe Klassik, 1966, S. 69; Ehrenberg, a.a.O. S. 411 Anm. 36; J.S. Traill, The political organization of Attica, 1975, S. 96ff. (Hesperia Suppl. 14).

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28     Meine Ansicht geht dahin, daß die Demen primär aus Menschen, nicht aus auf einer Landkarte gezogenen Linie und Landschaft, bestanden, vgl. Ehrenberg, a.a.O. 92 mit 411 n. 35a; Traill, a.a.O. 73f.; W.E. Thompson, in: SO 46 (1971), S. 72-79; alle gegen C.W.J. Eliot, The coastal demes of Attica, 1962 (Phoenix Suppl. 5).

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29     Falls etliche eng verwandte Oikoi ein und desselben Genos in verschiedenen Demen eingetragen wurden (mit entsprechend verschiedenen Lokalinteressen und -gemeinsankeiten), so verminderte dies Macht und Einfluß des betreffenden Anführers ebensogut wie es diesen vermehrte (wie behauptet von P.J. Bicknell, Studies in Athenian politics and genealogy, 1972, S. 1-53 [Historia Einzelschr. 19], der meint, dies sei Kleisthenes’ raffiniertes Mittel gewesen, die Boule mit «Alkmeoniden» zu überfüllen — es ist merkwürdig, daß dieser Trick zu Kleisthenes’ Zeiten wie auch später nie durchschaut wurde [vgl. meine Bespr. in: Gymnasium 81 (1974), S. 309-311]).

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30     Hdt. 5,66,2; 69,2; 6,131,1; vgl. Ath. pol. 21,2-6.

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31     Ath. pol. 22,1.

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32     Vgl. Anm. 26.

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33     Siehe Thompson, a.a.O., S. 75f., gegen Eliot a.a.O., S. 148 mit Anm. 18. Trotz — oder auch wegen — «Diapsephismos» mögen Fälle unklarer Staatsbürgerschaft verblieben sein. Angesichts der Gewitterwolken, die von allen Windrichtungen her sich auftürmten, sollte dies schnell durchgezogen worden sein, um eine durch keine Zwietracht geschwächte Bürgerarmee zu haben.

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34     Vgl. zu den Trittyen D.W. Bradeen, in: TAPHA 86 (1955), S. 22-30; Lewis. a.a.O., S. 34 ff.

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35     Zu diesen Maßnahmen vgl. die in jüngster Zeit erschienenen Monographien von Traill, a.a.O.; P.J. Rhodes, The Athenian boule, 1972; C.W. Fornara, The Athenian board of generals from 501 to 404, 1971 (Historia Einzelschr. 16).

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36     Rhodes, a.a.O., S. 206; genau entgegengesetzt z.B. Bicknell, a.a.O., S. 36.

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37     Rhodes, a.a.O., S. 210; die Paragraphen bequem zugänglich ebd., S. 194 (mit ausführlicher Behandlung S. 190-199). Die Datierung hängt von der des Hermokreon ab (Ath. pol. 22,2); 504-503 wäre eine mögliche Alternative, vgl. Cadoux, a.a.O., S. 115f. Einer der Hauptvorteile der Gleichzeitigkeit (und daher der politischen Verbindung) der Einführung des Bouleuteneids und des Beginns der bouleutischen Routinearbeit liegt darin, daß sie höchst bequem die beunruhigende Frage beseitigt, weshalb denn nach nur wenigen Jahren seiner Existenz der Rat der Fünfhundert eine neue «Verfassung» brauchte (vgl. für einschlägiges Spinnen von Hypothesen die schöne Arbeit von R.A. de Laix, Probouleusis at Athens, 1973, S. 21-25). Vgl. Verf., in: Gymnasium 85 (1978).

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38     Der Umstand, daß Demosthenes 24,48 das Adjektiv solonisch daranheftet (trotz Zuwachs aus dem späten füanften Jahrhundert), stellt keine eindeutige Empfehlung dar.

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39     «Eine einfache Vollzugsmaßnahme der kleisthenischen Reformen», Martin, in: Chiron 4 (1974), S. 23.

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40     Wir wüßten gerne mehr über den Grad der Authentizität und die Datierung des Heliasteneides, welcher indirekt auf Boule und Demos Bezug nimmt (zitiert in Demosth. 24,149f. — direkt nach dem Verweis auf den Bouleuteneid).

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41     Demosth. 24,144.

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42     Siehe oben mit Anm. 10.

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43     Diese Datierung hat die Annahme zur Folge, daß die politischen und Verfassungsmanöver bis hin zur ersten Wahl der Strategen in der attischen Geschichte, für das Jahr 501/500, über eine unbestimmbare Zeitspanne hinweg sich abspielten, um spätestens Anfang 501 zu einem Abschluß zu gelangen. Falls die erste förmliche Sitzung des Rates der Fünfhundert im selben Jahr 501/500 stattfand, stellen sich interessante Fragen bezüglich der Prozedur: Wie verhielten sich die Rollen des Areios-Pagos-Rates und der Volksversammlung zueinander; existierte der alte Rat der Vierhundert noch? Ich weiß keine einigermaßen schlüssigen Antworten und möchte die Fragen lieber unbeantwortet lassen, als einfach zu spekulieren. Vgl. immerhin Verf. a.a.O. (s. Anm. 10).

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44     Vgl. Fornara, a.a.O., S. 1-10.

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45     Martin, a.a.O. (s. Anm. 2), S.23 f.

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46     Vgl. Martin, S. 26f.

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47     Dies ist in der Tat bei Deinarchos (1,71) angenommen; Hignett, Hist. Ath. const., 1952, S. 191f. mit Anm. 7; S. 224 Anm. 10, übernimmt Deinarchos’ Angabe.

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48     Hdt. 5,97,3.

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49     Die vertrackte Frage der Doppelrepräsentation hat glücklicherweise für unsere Beweisführung keine Bedeutung. Zur Strategie vgl. Fornara, a.a.O. (s. Anm. 35); N.G.L. Hammond, in: CQ 19 (1969), S. 111-144 = Studies in Greek history, 1973, S. 346-94; M. Piérart, in: BCH 98 (1974), S. 125-146.

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50     Vgl. A.H.M. Jones, Athenian democracy, 1957, S. 127 mit S. 159 Anm. 161; Bicknell, a.a.O. (s. Anm. 29), S. 104 und bes. S. 105. Ich setze dieselbe Vorgangsweise für die Archonten voraus, siehe unten S. 238ff. mit Anm. 96-101.

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51     Siehe oben.

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52     Keine unserer Quellen verbindet den Namen mit einem der großen Oikoi. Falls er an der Durchführung der Gesetzgebung, durch die die zehn Strategen geschaffen wurden, beteiligt war (was nicht unwahrscheinlich ist), so wäre dies ein weiterer Hinweis auf den «aristokratischen» Charakter der Reformen (siehe Hdt. 5,97,3, zitiert im Text oben). Es gibt drei Ostraka mit dem Namen eines Melanthios Phalanthou; eines für einen Phalanthos Spintharou; eines mit dem Namen Spintharos Eu[boulou Probalinthios?]; siehe Meiggs-Lewis, Greek hist. inscr., S. 46; R. Thomsen, The origin of ostracism: a synthesis, 1972, S. 77ff. (Humanitas 4). Besteht irgendeine Verbindung mit dem Tragiker Melanthios (TrGF 23 Melanthios 1, esp. T 1 a-b = Plut. Kim. 4,1; 9)?

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53     Badians Beweisführung nimmt hiervon ihren Ausgang, siehe Badian, a.a.O. (Anm. 1).

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54     Für die Ostrakismoi der Vierhundertachtzigerjahre siehe unten. Es führte zu nichts, hier die unerbittlich wachsende Menge an Literatur zu diesem Thema Revue passieren zu lassen. Ein guter Überblick für die Situation im Jahr 1969: E. Vanderpool, Ostracism at Athens, in: Lectures in memory of Louise Taft Semple, 2nd ser., 1973, S. 215-270 (mit Abb.). Sehr nützlich: Thomsen, a.a.O.

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55     Uns bekannte Fälle: siehe Anm. 15. Die «new capitalists» hätten doch immer noch mit genug Bargeld in ihren Stiefeln versteckt fliehen können — für die alten Landadligen war es eine ganz andere Angelegenheit, besonders jene die auch nicht die Möglichkeit gehabt hatten, sich auf Kosten des Kroisos zu bereichern.

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56     Cadoux, in: JHS 68 (1948), S. 116f.; Lewis, in: CR 12 (1962), S. 201. Fornaras Zweifel an der Archonschaft des Themistokles im Jahr 493/92 (ders., in: Historia 20 [1971], S. 534-540) wurde von Lewis, in: Historia 22 (1973), S. 757f. und W.W. Dickie, ebd. S. 758f. widerlegt.

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57     Melanthios, Hdt. 5,97,3.

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58     Siehe Anm. 62; 67f.

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59     Siehe Anm. 63.

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60     Hdt. 5,97-103,2.

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61     Thuk. 1,93,3. Vgl. Fornara, a.a.O., und Dickie, a.a.O. J.S. Boersma, Athenian building policy from 561/0 to 405/4 B.C., 1970, S. 37 (Scripta archaeologica groningiana 4); A.J. Podlecki, The life of Themistocles, 1975, S. 179ff. (ich danke Herrn Podlecki für Zusendung von Photokopien einiger Seiten vor Publikation seines Buches).

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62     Hdt. 6,21,2. A. Lesky, Die tragische Dichtung der Hellenen, 31972, S. 60. Badian, a.a.O., S. 15 Anm. 44, möchte den Vorfall überhaupt aus den Vierhundertneunzigerjahren verbannen.

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63     Hdt. 6,41; 104,2. Vgl. Verf., Miltiades-Forschungen, 1968, passim (Diss. der Univ. Wien. 24; ders., in: Hermes 104 (1976), S. 287.

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64     Vgl. Badian, a.a.O., passim. Ich erlaube mir, die Bibliographie hierzu zu Libergehen.

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65     Z.B. Verständigungsschwierigkeiten zwischen Athen und dem oder den Strategen in Ionien (erstmals seit dem Trojanischen Krieg landeten athenische Kriegsschiffe in Kleinasien); ein Persönlichkeitskonflikt zwischen Melanthios und Aristagoras; athenische «Hurra»-Stimmung (und mangelndes Verständnis für die Realität) nach der Brandschatzung von Sardes; «Katzenjammer» nach der Niederlage bei Ephesos; usf.

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66     Falls es überhaupt hierher gehört: siehe Badian, a.a.O., S. 15 Anm. 44.

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67     Souda *P 61; Synes. ep. 80, 228 D; Ps-Zenob. 5,80 (CorpParoemGr 1, 152).

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68     B. Schmid, Studien zu griechischen Ktisissagen, 1947, S. 187 Anm. 1.

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69     Vgl. Herodotos’ merkwürdige Äußerungen über Kleisthenes’ angebliche anti-ionische Gesinnung, 5,69,2.

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70     Hdt. 6,104,2; vgl. Anm. 63. Es wäre eitles Raten, die Identität dieser E)XQROI/ ausfindig machen zu wollen.

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71     Hdt. 6,43-45; 94,2.

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72     Trotz Plut. Them. 4,5 = Stesimbrotos FGrHist 107 F 3. Podlecki, a.a.O., S. 58 (vgl. S. 203) möchte, nicht uneben, Aristeides substituieren. Stesimbrotos’ Darstellung wurde jüngst von Schachermeyr verteidigt, in: SAWW 247 (1965) 5. Abh., S. 13 = Forschungen S. 161. Aus Ath. pol. 28,2 läßt sich nichts gewinnen; die Stelle stimmt nicht zu Ath. pol. 41,2, noch zu ihren eigenen Formulierungen; jedenfalls aber ist Miltiades mit Xanthippos, und Themistokles mit Aristeides, zusammengespannt (28,2; der letztere erscheint zusammen mit Ephialtes [der gegen Kimon, den Sohn des Miltiades auftritt, 28,2], 41,2), wie schon zuvor (23,3).

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73     Ath. pol. 22,4; 6. (Zu den Ostrakismoi der Vierhundertachtzigerjahre siehe unten, S. 244f.) Die Ausdrucksweise ist eindeutig anachronistisch. In den Verhältnissen des vierten Jahrhunderts wäre der Ausdruck angebracht, um Männer anzuprangern, die einer demokratischen Regierungsform feindlich gesonnen sind und von Natur aus Tyrannen in griechischen Städten unterstützen und von diesen unterstützt werden. In unserem Zeitalter wissen wir von keinen Tyrannenherrschaften, außer in «Großgriechenland» und (möglicherweise) griechischen Städten unter persischer Herrschaft (vgl. indes Hdt. 6,43,3 — wo DHMOKRATI/A lediglich Freiheit von einem Gewaltherrscher, nicht aber «Demokratie», heißt; siehe Verf., in: Gymnasium 85 (1978), S. 118ff.). Auch ist Isagoras Ath. pol. 20,1 als «Freund der Tyrannen» bezeichnet, vermutlich aufgrund Hdt. 5,74,1 (in seinem letzten Versuch, in den Angelegenheiten Athens zu intervenieren, heißt es von Kleomenes *I)SAGO/RHN BOULO/MENOS TU/RANNON KATASTH=SAI). A.W. Gomme, More essays in Greek history and literature, 1962 (Nachdr. 1987), S. 27f. hat das bereits gesehen.

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74     Hdt. 6,107,3.

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75     Siehe Davies, a.a.O. (Anm. 15), S. 446ff.; vgl. Verf., in: Historia 22 (1973), S. 504-507.

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76     Hdt. 7,6; 8,52. Ich verstehe nicht recht, was Herodotos sagen wollte (wenn überhaupt etwas). 480 können nur langlebige Söhne des MAKRO/BIOS Hippias, oder Urenkel des «Alten Tyrannen», die in ihrem ganzen Leben niemals Athen gesehen hatten, im Lager des Xerxes gewesen sein. Die Frage mag unwichtig sein, doch führt sie uns vor Augen, wie relativ wenig wir wissen, und wie strikte die Ergebnisse prosopographischer Versuche beschränkt bleiben müssen.

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77     Oft als ein Versuch des «appeasement» gegenüber Persien betrachtet.

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78     Diese Überlegungen sollten eine «appeasement»-Hypothese a priori und schlüssig ausschließen.

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79     Seit dem ersten bekannten Usurpationsversuch (Kylon), durch das ganze 6. Jh. hindurch; wer es versäumte, sich solcher externen Hilfe zu versichern, versicherte bloß sein Versagen (z.B. Damasias, wie es scheint) — während das Gegenteil naturlich noch keine Erfolgsgarantie darstellte (Isagoras, als Beispiel, und auch Hippias und seine Leute nach 510).

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80     Hdt. 5,90 ff. (Kleomenes hatte vielleicht bereits begonnen, seinen Wein unverdünnt zu trinken.)

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81     Hdt. 6,109,3-6 (eine Widerspiegelung seiner eigenen Gedanken und seines eigenen Wissens, oder Unwissens: Verf., in: RhM 118 (1975), S. 200).

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82     Dies sieht entschieden nach Doublette aus: Siehe Hdt. 9,11,2 (zweifellos ein historisches Faktum), anscheinend seine Inspirationsquelle für diese spezifische Wendung in der Argumentation des Miltiades (welche eigentlich wie eine Beleidigung der Intelligenz des Polemarchos klingt).

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83     Hdt. 6,115; 121-124.

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84     «Marathonologie» hat eine ungeheure Bibliographie produziert, die sich ständig vermehrt. (Die Stellung Marathons in der Weltgeschichte wird darüber mitunter vergessen; vgl. immerhin Schachermeyr, in: HZ 172 (1955), S. 1-35 = Forschungen S. 85-119.) Grabungen (vgl. A.R. Burn, «Thermopylai revisited and some topographical notes on Marathon and Plataiai», in: Greece and the eastern Mediterranean ... Festschrift Schachermeyr, 1977, S. 91f. zu denen von S. Marinatos) sind unerläßlich. Vor allem jedoch muß die Quellenlage ein für allemal geklärt werden. Das Gemälde in der Stoa Poikile ist die primäre und letztliche Quelle der literarischen Tradition (zum Gemälde vgl. E.B. Harrison, in: AJA 76 [1972], S. 353ff., mit einer Zusammenstellung der Testimonien 370-378; vgl. auch T. Hölscher, Griechische Historienbilder des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr., 1973, S. 38-84; bes. S. 50 ff. (Beitrdge zur Archäologie. 61), eine verzerrte (im buchstäblichen Sinn) von Anfang an. Weitere Verzerrungen, je nach persönlichem Geschmack usw. des jeweiligen Autors (sogar betreffend Beobachtungen zum Terrain, u.U. aufgrund von Autopsia) werden sich dem hinzugefügt haben. Hier möchte ich noch folgende Frage anhängen: Weshalb ist die athenische Flotte (sie kann nicht ausschließlich aus Frachtern bestanden haben; die Zahl Hdt. 6,132, an die siebzig) mit verblüffender Einstimmigkeit unserer Quellen (und der modernen Literatur) ebenso XWRI/S wie die notorischen I(PPEI=S der Angreifer?

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85     Theopompos fand natürlich Grund genug, gegen diese stereotypische Mißrepräsentation durch die prahlerischen Athener Sturm zu laufen (FGrHist 115 F 153; vgl. zur Bedeutung dieses Fragmentes meinen Vorschlag in: Gymnasium 81 (1974), S. 314 Anm. 1). Vgl. übrigens noch Thuk. 1,73.

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86     Zum Begriff «Frühklassischer» oder «Klassischer Optimismus» vgl. Schachermeyr, Frühe Klassik, 1966, Index s.v.; ders., Perikles, 1969, bes. S. 24ff. und S. 195ff.; ders., Geistesgeschichte der Perikleischen Zeit, 1971, S. 17 usw.; vgl. dieselben Arbeiten zur «Generation der Marathon-Kämpfer».

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87     In Vergeltung, wie Hdt. 5,102 mitteilt, für die Brandschatzung des Heiligtums der Kybebe zu Sardes.

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88     Vgl. Boersma, a.a.O. (Anm. 61), S. 38f. Siehe J. Travlos, Bildlexikon zur Topographie des antiken Athen, 1971, s.v. Parthenon (= Pictorial dictionary of ancient Athens, 1971, S. 444ff.)

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89     Hdt. 6,132 ff. Für die Quellen siehe Verf., Miltiades’ Parosexpedition in der Geschichtsschreibung, in: Hermes 104 (1976), S. 280-307. Ausmaß und Ziel der Unternehmung sind umstritten. Ich möchte meinen, daß die Athener über die allgemeine Stoßrichtung sich durchaus im klaren waren. Paros dürfte nur eine erste Etappe aber, nach dem Willen der Götter, dann auch das Ende sowohl der Kampagne als auch der Karriere und des Lebens ihres Anführers dargestellt haben. Die Gründung des Delischen Seebundes symbolisiert nicht den ersten Beginn der athenischen Seexpansion (was viel früher stattfand) sondern den Höhepunkt ihrer frühen Entwicklung.

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90     Hdt. 7,144; Aristot. Ath. pol. 22,7. Letzterer gibt ein Archon-Jahr. Wie auch immer sich die Ereignisse im Detail abgespielt haben mögen, Herodotos hat wohl die allgemeine Stimmung der Menschen gut eingefangen. ür eine Diskussion der Probleme von Themistokles’ sogenanntem Flottengesetz siehe jüngst Podlecki, a.a.O. (Anm. 61), bes. S. 201-204.

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91     Der einzige Ostrakismos, den Herodotos für erwähnenswert hält, ist jener des Aristeides im Jahr 482 (Hdt. 8,79,1); zum Datum siehe Ath. pol. 22,8. (Er wurde ehebaldigst zurückberufen.) Im Jahr 487/486 wurde der Agon der KWMWIDOPOIOI/ zum Programm der Großen Dionysien hinzugefügt (Souda *X 318)!

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92     Vgl. z.B. Hignett, Hist. Ath. const. 151; 175 — dagegen kann Rhodes, a.a.O. (Anm. 35), S. 21 Anm. 4, «not see why this practice should not have lasted until the reforms of Ephialtes».

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93     Vgl. Hignett, a.a.O., S.175; vgl. auch Hammond, in: CQ 19 (1969), S. 118f. = Studies in Greek history, 1973, S. 357. Siehe bes. Fornara, a.a.O. (Anm. 35), S. 11f.

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94     Vgl. Hignett S. 173f.; Ehrenberg, a.a.O. (Anm. 26), S. 146.

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95     Vgl. E. Meyer, Griech. Gesch.1 3, § 198 (Anm.); siehe Ath. pol. 25,2 (das Gesetz muß dem Archonschaftsjahr, das für die Übernahme der Aufgaben des Areios-Pagos-Rates durch die Fünfhundert angegeben ist, vorausgehen); Ath. pol. 26,3 macht den Fall ganz klar: E)PI\ *LUSIKRA/TOUS A)/RXONTOS OI( TRIA/KONTA DIKASTAI\ KATE/STHSAN (intransitiv, aktiv!) PA/LIN OI( KAMLOU/MENOI KATA\ DH/MOUS (Glatt dagegen: Hignett, a.a.O., S. 176.)

Wenn der Name des Archon Eponymos mit der Neuerung verbunden ist, so deshalb, weil er als erster davon betroffen war. Desgleichen wird uns der Name des ersten Zeugites im Archonamt genannt, nicht der jenes Archon Eponymos, in dessen Amtsperiode das Gesetz durchgebracht wurde, das die Wahl eines Zeugites zum Archon ermöglichte; vgl. unten Anm. 113.

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96     Die Mehrzahl der modernen Lit. betrachtet die Zahl einhundert als akzeptabel (ich fühle mich merkwürdig erinnert an die, nun zu Grabe getragenen — siehe oben Anm. 27 — einhundert Demen des Kleisthenes).

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97     Professor Lesky lehrte mich einen vernünftigen Konservativismus in der Textkritik, der in diesem Falle gegeben zu sein scheint: der überlieferte Text ist weder in sich selbst befriedigend, noch befriedigt er den Historiker. Für die Emendation einhundert (statt fünfhundert) gibt es keine befriedigende paläographische Erklärung (vgl. die vorige Fußnote zur Zahl einhundert). Zudem stimmen Pap. Lond. 131 (L) und Fragment II b des Pap. Berol. 5009 (B) genannten Fetzchens nicht überein. Ich gehe davon aus, daß eine Interlinearglosse eines etwas verwirrten Lesers zu PENTAKOSI/WN uns das DH/MOWN (B) bzw. DHMO/T(WN) (L) beschert hat, welche Glosse dann irgendwann bzw. -wo in den eigentlichen Text «hinunterrutschte». Übrigens erwähnt Ath. pol. keine Vorauswahl vor Endauslosung im deskriptiven Teil (vgl. 55), was die Verwirrung jenes Lesers umso leichter erklärlich macht. (Hignett, a.a.O., S.227 meint, diese Erklärungen in Kapitel 55 seien ausgefallen durch eine Korruption, was durchaus denkbar ist.) Ath. pol. kennt «Fünfhundert» im Sinn «Rat der Fünfhundert», 25,5. Siehe vor allem 26,6 fin. mit app. crit. Siehe auch, für Nichtwiederholung des Artikels, Schwyzer 2, S. 26 Anm. 2.

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98     Martin, a.a.O. (Anm. 2), S. 26f.

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99     Martin ebd. Siehe Ath. pol. 26,2.

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100     Der Sekretdr muß deshalb in dieser Gruppe eingeschlossen sein. In dieser Form ließ sich anderseits geschickt die ominöse Zahl zehn umgehen, die ansonsten aus der Vergangenheit nur für einen Ausnahmezustand bekannt war (580/79, vgl. Cadoux, in: JHS 68 (1948), S. 102f.; vgl. auch Ath. pol. 38,1, zur Wahl von zehn AU)TOKRA/TORES nach dem Fall der Dreißig). Prozedurale Detailfragen dürfen wir ignorieren, da die allgemeine Stoßrichtung dieser Neuerung so klar ist (z.B. die immer wiederkehrende Frage der Doppelreprdsentation unter den Strategen): Ausnahmen zur Regel muß es gegeben haben (sonst könnte man nicht von einer «Regel» sprechen ... ). (Vgl. noch oben Anm. 49.)

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101     Dies wäre die entsprechende Parallele zum konjizierten Vorauswahlsprozess durch die Boule für die Kandidaten zur Strategie. Ich möchte dies als ein gewichtiges Argument betrachten. Betreffend die Strategen siehe oben mit Anm. 50.

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102     Hdt. 6,109ff. Zur Schlacht von Marathon siehe oben, Anm. 81-86; Hammond, a.a.O., S. 111ff. = 346ff.; und bes. ders., in: JHS 88 (1968), S. 13ff. = Studies 170ff. (erweitert).

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103     Siehe oben Anm. 93.

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104     Hdt. 6,109,1; Herodotos läßt uns darüber im unklaren, ob die Gegner der Schlacht Unterwerfung oder Rückzug hinter die Stadtmauern (von denen sich bislang keine Spur gefunden hat, siehe Travlos, a.a.O., s.v. Athen = Pict. dict., S. 158) bevorzugten!

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106     Hdt. 6,109ff. Ich kann mich nicht des Verdachts erwehren, daß die Rolle des Miltiades in diesen Vorgängen über Gebühr hervorgestrichen ist. Dies wurde durch die historische Tatsache des unbezweifelbaren (und vermutlich ganz zufälligen) «imperium maius» des Miltiades am Tag der Schlacht (Folge jenes merkwürdigen Systems der Rotation des Gesamtoberbefehls) begünstigt. Die anderen zwei Faktoren, die jene Tradition gefördert haben mögen, sind wohl die Argumente in der Verteidigung des Miltiades in seinem letzten Prozeß (Hdt. 6,136,2), und das Fresko der Stoa Poikile (die vom Schwiegervater seines Sohnes gebaut worden war) (zum Gemälde vgl. Anm. 84).

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106     Herodotos erwähnt athenische Strategen neunzehnmal (Powell, Lex. Hdt.2, 338 col. l): Melanthios (5,97,3; siehe oben mit Anm. 52); die Strategen bei Marathon (6,103-114; neunmal); die Strategen bei Plataiai (9,44 und 46 — wo sie nur dazu dienen, die Nachricht des Alexandros von Makedonien zu empfangen und an Pausanias weiterzuleiten; viermal);, die Strategie des Xanthippos, Sohn des Ariphron, im Jahr 479 während der Sestoskampagne nach Mykale (7,33; 9,114-120; fünfmal).

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107     Ath. pol. 23,1.

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108     Zwar nicht einer von Berves «fürstlichen Herren der Perserzeit», doch zweifellos ein Stratege.

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109     Hdt. 6,132-136. Vgl. Verf., in: Hermes 104 (1976), S. 285ff.

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110     Hdt. 9,114 ff.; bes. 117 (Herodotos schreibt KOINO/N).

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111     Damit will ich nicht behaupten, daß die Strategen durch ihre Taten und ihr Verhalten die Archonschaftsreform ausgelöst hätten: die Schrumpfung der Statur der Strategen war vielmehr ein nicht unwillkommenes Nebenprodukt der Reform von 487.

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112     Ath. pol. 23,1 (Aristoteles verbindet dies unmittelbar mit der Untätigkeit der Strategen während des Jahrs von Salamis, vgl. oben mit Anm. 107). Zugegebenerweise ist die Glaubwürdigkeit der Behauptung dadurch, daß Aristoteles dies ordentlich in sein System der Metabolai einbindet, nicht erhdht (Ath. pol. 41); auch ist er sich nicht sicher, ob die Zeit des areopagitischen Glanzes während (Pol. 1304a20-24) oder nach (Ath. pol. 23,1f.; 25,1; 41,2) den Perserkriegen (der Terminus kann natürlich auch die Vierhundertsiebziger- und sogar noch die Viehundertsechzigerjahre einschließen) fiel. Doch ist Aristoteles’ Version eine «Lectio difficilior», die sich auf Tatsachenwissen stützen mag. Wenn es aber nicht mehr als eine Vermutung des Aristoteles ist, so spricht dies für seine Fähigkeiten als Historiker. Ich würde in jedem Falle mich nicht auf Aristoteles als Beweis berufen. (Ein Aufsatz von R.B. Wallace, Ephialtes and the Areopagos, in: GRBS 15 (1974), S. 259-269, scheint den Versuch zu unternehmen, Aristoteles als richtig zu erweisen, indem er von Aristoteles ausgeht: ich möchte den umgekehrten Weg gehen.)

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113     Ath. pol. 26,2.

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114     Die zeitliche Nähe hat schon Hignett, a.a.O., S. 176, beobachtet; seine Datierung der Archonschaftsreform ist indes von unserer verschieden (siehe oben Anm. 95).

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115     Vgl. z.B. Ehrenberg, a.a.O. (Anm. 27), S. 144; 147f.

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116     Plut. Aristeid. 7,7.

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117     Vgl. oben Anm. 55.

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118     Siehe oben mit Anm. 73-80.

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119     Mangels einer umfangreichen und erschäpfenden Publikation und Studie durch den Ausgräber sind wir R. Thomsen (siehe oben Anm. 52) für seine Sichtung der Kerameikosostraka dankbar. Es scheint, daß meine eigenen erheblichen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der gängigen Interpretation (derzufolge die Ostraka nur bestätigen, was man schon längst vermutete: siehe den Text oben) zumindest teilweise von H.B. Mattingly (in einem Brief, 1974 03 05) und D.M. Lewis (siehe seinen Aufsatz The Kerameikos ostraka, in: ZPE 14 (1974), S. 1-4) geteilt werden. 1. Das vereinzelte Scherbchen mit einem kleinen Gedicht gegen Xanthippos (Raubitschek, in: AJA 51 (1947), S. 257-262; Meiggs-Lewis, GHI Nr. 21, S. 42), in dem er als gräßlich sich vergangen Habender apostrophiert wird, besagt überhaupt nichts, da es (von textkritischen Fragen abgesehen) Myriaden von Möglichkeiten gibt, sich gräß1ich zu vergehen. 2. Kallias, Sohn des Kratios/-as,ist mehrfach als «Meder» bezeichnet; es gibt sogar ein kleines «Portrait» von ihm, das einen Bärtigen mit einer eigentümlichen Kopfbedeckung zeigt. Die Anspielung klingt nach einem Witz oder Spitznamen, wohlbekannt von der Alten Komödie (vgl. Mattingly und Lewis, a.a.O.). 3. Kallixenos, Sohn des Aristonymos, ist häufig als PRODO/THS betitelt. Nun ist «Verräter» so ziemlich das erste und allgemeinste Schimpfwort, das ein Grieche in einem politischen Fluch äußern würde. Aber sogar dann, wenn Kallixenos tatsächlich jemanden oder eine Sache «verriet», können wir nicht feststellen, was dies war (man könnte z.B. spekulieren, daß er die Archonschaftsreform den Stadtleuten unter falschen Vorspiegelungen zu verkaufen suchte, verheimlichend, daß sie wirklich mehr Macht für die Dorfadligen bedeuten würde).

Noch ist mir keine Erklärung dafür untergekommen, weshalb nur Kallias als «Meder», und nur Kallixenos als «Verräter» apostrophiert werden.

Wenn beide Athen an den Perserkönig verraten wollten, sollten beide mit beiden Schimpfwörtern versehen angetroffen werden — hier haben wir ein klares Non-sequitur. Überdies haben nun sowohl Mattingly wie Lewis sich dafür ausgesprochen (a.a.O.), Kallias Kratiou aus den Vierhundertachtzigerjahren zu verbannen.

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120     [Übersetzung des Verf., Oktober 1988. Einige Versehen des Originals wurden stillschweigend korrigiert, die Übersetzung ist stellenweise frei, doch wurde kein Versuch unternommen, den ursprünglichen Text umzuarbeiten (wozu siehe oben Anm. *) aus welchem Grund auch kein Versuch unternommen wurde, die neuere Literatur einzuarbeiten, da dies einer völligen Umarbeitung gleichgekommen wäre.]

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