K.H. Kinzl home page     TLG code for Greek text

Zu Thukydides über die Peisistratidai

Konrad H. Kinzl

 

Historia 22 (1973) 504-507

 

   

   

 

— 504 —

 

(A)  Warum, haben wir uns nach Jacoby zu fragen, hat Thukydides in seiner großen Peisistratidendigression einen dermaßen kritischen Ton angeschlagen, bloß um nachzuweisen, daß das Richtige ohnehin bereits bei Herodotos zu lesen sei?1

(B)  Vier zentrale Behauptungen will Dover aus den hochpolemischen Erörterungen des Thukydides herausschälen:2 nicht als der Tyrann schlechtweg fiel Hipparchos; die Mordtat war unpolitisch, zufällig; Sparta und die Alkmeonidai,3 nicht Tyrannenmord, setzten der Tyrannis ein Ende; erst nach dem Attentat herrschte Despotenterror.

Auf der Akropolis zu Athen las Thukydides die STH/LH PERI\ TH=S TW=N TURA/NNWN A)DIKI/AS,4 mit dem Namen des Peisistratos sowie denen seiner Söhne Hippias, Thessalos,5 Hipparchos, ferner fünf Sprößlingen des Hippias von Myrsine — hingegen keinerlei Nachkommenschaft von Thessalos oder Hipparchos. Die Existenz bzw. Nichtexistenz diverser Enkelkinder des alten Tyrannen fügt sich

 

   

   

 

— 505 —

 

in den Hauptgang der Beweisführung nur unter Schwierigkeiten.6 Doch wird die Stele erstens einmal wegen der Nennung des Hippias gleich nach dem Vater7 zitiert und ist als solche makellose Evidenz, die unter ähnlichen Umständen auch ein moderner Historiker vorzuführen sich nicht scheuen dürfte. Thukydides konnte aber aus der nun bereits angeführten Stele gleich noch ein weiteres polemisches Argument gewinnen, das im Grunde auch auf derselben Linie gelagert ist.

In oder über Athen schrieben im fünften Jahrhundert Pheerkydes, Herodotos, Thukydides, Hellanikos. ENEALO/GWN OU)DENO\S DEU/TERON lobte Dionysios8 den ersten; der letzte mag gleichfalls genealogische Schriften vorzuweisen;9 nahezu alle bedeutenden athenischen Clans über die Periode der Tyrannis hinweg sind Gegenstand genealogischer Einlassungen des Herodotos.10

Thukydides’ Interesse für genealogische Belange zeigt sich an unserem Beispiel. Es hätte Thukydides’ Beweisführung um keinen Deut geändert, hätte er Thessalos schweigend übergangen, hätte er die Abkömmlinge des Hippias unbedacht gelassen. Freilich übt Thukydides hier Familienforschung keineswegs als Selbstzweck. Denn was er uns aus der A)DIKI/A-Inschrift vorlegt, ist zugleich Rechtfertigung für seinen giftigen Ausbruch11 darüber, daß die Leute über ihre eigene Lokalgeschichte,12 und so auch die Athener über ihre eigenen Tyrannen13 ganz ungenau unterrichtet sind.14

Das Erregenede an der Erkenntnis, daß die Einlassungen des Thukydides zur Peisistratidengenealogie in der Tat polemischen Charakters sind, stellt sich uns in dem Tatbestand dar, daß das Ziel der Polemik in diesem einen Fall nicht erschlossen zu werden braucht: es handelt sich um Herodotos, der hier in zwei Belangen apostrophiert wird:

 

   

   

 

— 506 —

 

1.   Herodotos äußert sich nur unzulänglich zu den Söhnen des Peisistratos, indem er den für Thukydides vollbürtigen15 Thessalos unerwähnt läßt und die Altersrelation von Hippias und Hipparchos zu klären verfehlt;16
2.   Herodotos drückt sich gleichermaßen unbefriedigend vage zur Nachkommenschaft der vollbürtigen Söhne des Peisistratos aus:17
U(PEKTIQO/MENOI
GA\R E)/CW TH=S XW/RHS OI( PAI=DES TW=N *PEISITRATIDE/WN H(/LWSAN. (2)
TOU=TO DE\ W(S E)GE/NETO, PA/NTA AU)TW=N TA\ PRH/GMATA SUNETETA/RAKTO,
PARE/STHSAN DE\ E)PI\ MISQW=I TOI=SI TE/KNOISI, KTL.

Besonders 2. steht in klarem Widerspruch zu des Thukydides Resultaten epigraphischer Forschung.18

Das Hauptergebnis dieser Betrachtung soll sein, aufgezeigt zu haben, daß

(A)  Herodotos sehr wohl, und dies auch im Sachlichen, in der Polemik des Thukydides zur Peisistratidenfrage eingeschlossen ist;20

 

   

   

 

— 507 —

 

(B)  die Spitze der Polemik des Thukydides gegen teilweise andere Aspekte der Peisitratidenfrage gerichtet ist, als gemeinhin unterstellt oder für erwiesen gehalten wird. In unserem besonderen Fall haben wir gezeigt, daß das genealogische Moment ein vorzügliches Argument in Thukydides’ Einlassungen über die Peisistratidai darstellt.21

 

   

   

 

Anmerkungen

1     F. Jacoby, Atthis 158; die Antwort für Jacoby ist, daß eben Herodotos gegen die ‘offizielle’ Version nicht durchgedrungen sei (158f.), welche in Hellanikos ihren Verfechter gefunden habe.

Zurück zum Text

2     K.J. Dover, in Gomme-Andrewes- Dover, HistCommThuc 4,317f. (zu Thuk. 6,54-59); vgl. H.-P. Stahl, Thukydides. Die Stellung des Menschen im geschichtlichen Prozeß, München 1966 (Zetemata 40), 8.

Die Frage, was Thukydides denn eigentlich beweisen wollte, und wogegen er polemisierte, ist von Jacoby als grundlegend erkannt worden, erfuhr jedoch einseitige Behandlung von seiner Seite (vgl. Anm. 1). Im Vorübergehen aufgegriffen, aber nicht in gründlicher Behandlung einer Lösung nähergebracht, wurde die Frage in jüngster Zeit durch C.W. Fornara, Historia 17,1968,400ff.

Zurück zum Text

3     Thuk. 6,59,4, U(PO\ *LAKEDAIMONI/WN KAI\ *A)LKMEWNIDW=N TW=N FEUGO/NTWN; zum Sinn dieser Phrase vgl. C.W. Fornara, Philologus 111,1967,294f.; K.J. Dover (Anm. 2) 336; K.H. Kinzl, RhM [116,1973,91- 95].

Zurück zum Text

4     Thuk. 6,55,1. Man ist versucht zu fragen, weshalb Thukydides wohl die Archontenliste (B.D. Meritt, Hesperia 8,1939,59ff.; D.W. Bradeen, Hesperia 32,1963,187ff.; [IG I3 1031c]) ignorierte. entweder kannte er sie nicht, oder aber sie hätte in seiner Beweisführung nichts getaugt, was ein weiteres Argument für unsere Auffassung von 6,55,1f. wäre. Vgl. noch unten Anm. 18.

Zurück zum Text

5     Zu Thessalos vgl. z.B. J.M. Stahl, RhM 50,1895,382ff.; RE VI 164f.; KlPauly s.v.; J.K. Davies, Athenian propertied families, Oxf[ord] 1971, 11793 V ([S]. 448)

Es fällt auf, daß hier, wo Thukydides über den Stein referiert, Thessalos vor Hippias erscheint. Sollte darin ein Argument dür größeres Alter des ersteren zu erblicken sein? Tatsächlich ereifert sich Thukydides nur darüber, wer von Hipparchos und Hippias der ältere war. 1,20,2 ist die Reihenfolge allerdings Hipparchos — Thessalos (dort wird aber auch keine Insschrift zitiert).

Zurück zum Text

6     Das Kind wird mit dem Bade ausgegossen, wenn man darum für 6,55 insgesamt konstatiert, daß ‘the reasoning here is obscure’, M. Lang, Historia 3,1955,401 Anm. 1. Vgl. A. Scholte, Mnemosyne Ser. 3, 5,1937,71f.; M. Valeton, Mnemosyne NS 45,1917,23, ‘argumenti duplicis prior pars obscura est’.

Man erkennt in Thukydides’ Wiedergabe des Inhalts der Inschrift etwas in der Art jener Schleifen, wie sie im ersten Buch herausgearbeitet wurden von R. Katicic [das erste c trägt ein Hachek, das zweite einen Akut — in HTML z.Zt. nicht wiedergebbar], WS 70,1957,179ff. Der Gedankengang der Thukydides ist klar, sobald man sich vergegenwärtigt, daß er vom ersten Satz 6,55,1 überspringt zum Zentralpunkt 6,55,2, und sich von dort gewissermaßen zum Ausgangspunkt zurückarbeitet.

Zurück zum Text

7     Die gegenseitigen Bewerfungen E. von Sterns (Hermes 52,1917,360f. gegen Beloch GG I2 2, 294ff.) und Belochs (Hermes 55,1920,313) haben wenig ur Klärung in diesem Punkt erbracht.

Zurück zum Text

8     Dion. Hal. *R(WM. A)RX. 1,13,1 = FGrHist 3 T 7.

Zurück zum Text

9     FGrHist 4.

Zurück zum Text

10     Peisistratidai, 5,65,3, Davies (a.O.) 11793 II ([S]. 445); Alkmeonidai, 6,125,1, Davies 9688 I ([S]. 369f.); Philaidai, 6,35,1; 6,128,2, Davies 8429 I-II ([S]. 294f.); vgl. Kinzl, Miltiades-Forschungen, Wien 1968, 1ff.; Gephyraioi, 5,57ff., Davies 12267 II ([S]. 472f.).

Zurück zum Text

11     Vgl. H. Münch, Studien zu den Exkursen des Thukydides, Heidelberg 1935, 72.

Zurück zum Text

12     Thuk. 1,20,1.

Zurück zum Text

13     Thuk. 6,54,1. Es sei hier nur nebenbei vermerkt, daß 1,20,1f. und 6,53,3-6,60,1 noch über die von Brunnsåker, The tyrant-slayers of Kritios and Nesiotes, Lund 1955,3ff., aufgezeigte ablaufmäßige Parallelität hinaus, ein auch gedanklich paralleles Ganzes darstellen (wie ich anderenorts zu zeigen gedenke).

Es ist übrigens gewiß kein Zufall, wenn Thukydides 6,54,1 von den ‘Tyrannen’ — den Personen also — schreibt, neben dem ‘Geschehnis’ Es sind die Personen, ihre Charaktere, aber auch ihre Alters- und sonstigen verwandtschaftlichen Verhältnisse, auf die sich Thukydides — neben dem Geschehnis — zu konzentrieren verpflichtete. Vgl. H.-P. Stahl (Anm. 2) 11.

Zurück zum Text

14     Eine sehr ausgewogene Interpretation gibt Dover (a.O.) 322, wo er vorschlägt, ‘The Athenians give an account which is completely accurate’. Vgl. H.-P. Stahl (a.O.) 2. Zum A)KRIBE/S vgl. etwa H. Erbse, RhM 96,1953,60ff.; Stahl 10f. [; G. Shrimpton, Accuracy in Thucydides, AHB 12,1998,71-82.]

Zurück zum Text

15     Vgl. aber Loenen, Mnemosyne Ser. 4, 1,1948,87.

Zurück zum Text

16     Nach seinem zweiten Abgang aus Athen berät Peisistratos A(/MA TOI=SI PAISI/, Hdt. 1,61,2, die uns dann nochmals 1.63.2 begegnen; aber nur Hippias wird identifiziert (1,63,1). Als unumstößlicher Beweis atugt dies sowenig (vgl. Beloch, Hermes 55,1920,311f.; C.W. Fornara, Historia 17,1968,423), wie 5,55, *I(/PPARXON TO\N *PEISISTRA/TOU, *I(PPIE/W DE\ TOU= TURA/NNOU A)DELFEO/N (vgl. Davies a.O. [S]. 446), was die Altersrelation angeht, auch wenn man die Stellen nicht völlig entwerten sollte.

Die Skolia wird Herodotos so gut gekannt haben wie Aristophanes (die Belege am besten zugänglich bei J.M. Edmonds, Lyrica Graeca [Loeb] 3,554ff.; vgl. etwa F. Koepp, NJb 9,1902,609ff.; H. Friedel, Der Tyrannenmord in Gesetzgebung und Volksmeinung der Griechen, Stuttgart 1937,55f.; V. Ehrenberg, WS 69,1956,57ff.; C.M. Bowra, Greek lyric poetry, 21961, 373ff.).

Zurück zum Text

17     Hdt. 5,65,1f., eine in mancherlei Hinsicht merkwürdige Passage.

Zurück zum Text

18     Aus Herodotos’ Formulierung geht für uns nicht eindeutig hervor, ob er nur von ‘Söhnen’, oder von ‘Söhnen und Töchtern’, also einfach ‘Kindern’ schreibt. Powell, Lex. Hdt. s.v. PAI=S, fUhrt die Stelle unter der Bedeutung ‘Sohn’, und so übersetzt die Loebausgabe, während die Belles-Lettres-Ausgabe neutral ‘enfants’ gibt. Für *A)Q. POL. 19,6 hat das Problem nicht bestanden, hier heißt es statt PAI=DES und TE/KNA unmißverständlich YI(EI=S und PAI=DES. Es spricht viel dafür, sich dem antiken Sprachverständnis anzuvertrauen.

Dasselbe ‘Problem’ stellt sich für Thukydides, ein Problem, das von Davies ([Anm.] 5) 11793 IX ([S]. 451f.) ignoriert wurde (er identifiziert drei der fünf PAI=DES als Peisistratos den Jüngeren [unanfechtbar], Archedike [siehe Thuk. 6,59,3], und die Gattin des Charmos).

Gewiß waren es in erster Linie die Söhne, um deren Sicherheit die Peisistratidai besorgt waren, als sie sie außer Landes verbringen wollten (Hdt.), und gewiß waren es nru die Söhne, die als potentielle Nachfolger in der Tyrannis zu fürchten waren (Thuk.; ob es sich um ein Verbannungsdekret handelte, ist dabei irrelevant; wahrscheinlich ist es nicht, und mit der von Kykurgos 117 zitierten Urkunde kann sie nicht identisch sein [so I.M. Valeton, Mnemosyne NS 37,1909,369ff.], da dort A)LITH/RIOI und PRODO/TAI betroffen sind, wobei die A)LITH/RIOI gewiß die Alkmeonidai sind [vgl. Thuk. 1,126,11], und die Urkunde daher allein schon in eine andere Zeit [nach Marathon?] zu datieren ist).

Zurück zum Text

19     Zu Diod. 10,17 vgl. meine Arbeit in Hermes [102,1974,179-190].

Zurück zum Text

20     Man vgl. immerhin Schol. Thuk. 1,20,2: OU)K I)/SASIN] *H(RODO/TOU KAQA/PTETAI.

Zurück zum Text

21     Zum Zeitpunkt des Abschlusses des Manuskriptes waren mir unzugänglich A. Momigliano’s Arbeit in Festschrift Ferrero, Torino 1971 (zu Thuk. 6,54-59), und H. Castritius, Chiron 2,1972 (‘Die Okkupation thrakiens durch die Perser und der Sturz des athenischen Tyrannen Hippias’).

Es sei mit Nachdruck daran erinnert, daß vorliegender Aufsatz nur einen einzelnen Aspekt der gesamten Frage behandeln will, und daß die Beschränkung auf ein Minimum an Querverbindungen zu anderen Problemen und Autoren hier Methode ist.

Zurück zum Text

  Zurück zum Anfang