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Miltiades' Parosexpedition in der Geschichtsschreibung1

Konrad H. Kinzl

Hermes: Zeitschrift für Klassische Philologie. Wiesbaden: F. Steiner Verlag, 1976.

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© F. Steiner Verlag, Stuttgart


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Die vorliegende Untersuchung gilt allein den Quellen zur Parosexpedition des Miltiades: Die gängige Lesung (oder 'moderne Vulgata') des Berichtes bei Herodotos soll als unrichtig erwiesen werden, die Darstellung des Ephoros durch Heranziehung bislang nicht oder nur unzulänglich ausgewerteter Scholien zu Ailios Aristeides aufgehellt, und die nicht-herodotische Überlieferung in ihrem Verhältnis zu Herodotos neu (und abweichend von der 'modernen Vulgata') bestimmt werden. Wenngleich scheinbar historische Erwägungen mitunter nicht gänzlich ausgeschaltet werden konnten, so sei dennoch mit dem größten Nachdruck darauf hingewiesen, daß diese Arbeit — schon aus Gründen der Methode — sich ausschließlich mit den Quellen befassen will. Die geschichtliche Bestimmung jener Unternehmung des Miltiades auf der Grundlage der hier vorgelegten Ergebnisse muß freilich einer viel weiter gesteckten, historischen Studie vorbehalten bleiben.

Erster Abschnitt: Herodotos 6,132-136

Die Darstellung des Ausganges der Karriere des Miltiades zählt zu jenen Passagen des Autors, die von den Postulaten der modernen Herodotos-Interpretation besonders nachhaltig betroffen sind. Nahezu alle Grundprobleme kommen hier ins Spiel: Herodotos' Einstellung gegenüber Athen, seine Stellung zu den 'Philaiden' und sein Miltiadesbild, das Quellenproblem, 'Objektivität', Herodotos' Haltung in religiösen Belangen, die Frage der dem Werk zugrunde liegenden Typologien und Grundmuster.

Drei Linien konvergieren im Schlußparagraphen 6,136,3. Eine ist durch den Hinweis auf Kimon, den Sohn des Miltiades, hergestellt: Familiengeschichte der prominenten attischen Geschlechter. Hier finden wir die 'Philaidai' vereint mit den Alkmeonidai, Gephyraioi, Peisistratidai, deren Genealogie Herodotos zu erforschen gesucht hat. Wie sehr die jeweiligen Endglieder jener Geschlechter die Geschichte Athens zu seiner Zeit direkt oder indirekt wirksam weiter-

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gestalteten, wird Herodotos nicht entgangen sein. Die zweite Verschränkung mit anderen Teilen des Werkes wird durch die Beziehung des Demos zu dem Adelsherren Miltiades hergestellt. Miltiades wird hier auf dieselbe Ebene mit Kleisthenes und Peisistratos gerückt. Die dritte Klammer verbindet Miltiades' Schicksal mit der Welt des Göttlichen. Das böse Ende des Miltiades erhielt Bestätigung durch den Gott, und ein TW=N KAKW=N KATHGEMW/N führte ihn diesem Ende zu.

Diese dritte Linie erst verleiht dem Exkurs2 inneren Zusammenhalt und steht an inhaltlicher Bedeutsamkeit an erster Stelle. Hierher gehört neben der Erfüllung des Laufes des Unglücks, *MILTIA/DHS ... SFAKELI/SANTO/S TE TOU= MHROU= KAI\ SAPE/NTOS TELEUTA|= (6,136,3), der größte Teil von 6,135 (6,135,2-3) und 6,134. Miltiades, heißt es 6,134,1, habe bei der Belagerung weder ein noch aus gewußt,3 wobei Herodotos einen Ausdruck wählt, welcher andeutet, daß der Betreffende von sich selbst aus nicht imstande sei, die Lage zu meistern, und daher auf Rat von außen, bzw. aus der göttlichen Sphäre zurückgreift (*MILTIA/DH| A)PORE/ONTI KTL.). So sei er mit der kriegsgefangenen U(POZA/KOROS TW=N XQONI/WN QEW=N namens Timo ins Gespräch gekommen. META\ DE\ TH\N ME\N U(POQE/SQAI, TO\N DE\ DIERXO/MENON E)PI\ TO\N KOLWNO/N ... U(PERQOREI=N KTL. (6,134,2) — Herodotos deutet mit keinem Wort an, worin der Rat der Timo bestanden habe, wogegen er den Gang des Miltiades zum Demeterheiligtum in Parataxe4 stellt, als ob er sagen möchte, daß die Handlung des Miltiades nicht notwendigerweise der Sinn des Inhaltes der Worte der Timo war,5 sondern vielmehr eine indirekte Folge. Dieser Eindruck verstärkt sich im Licht der vagen Beschreibung dessen, was Miltiades beim Demeterheiligtum zu verrichten plante (EI)/TE KINH/SONTA/ TI TW=N A)KINH/TWN EI)/TE O(/ TI DH/ KOTE PRH/CONTA, 6,134,2), so als ob Herodotos sagen wollte: gleichgültig was es nun wirklich war,6 es war nichts Gutes — und schon gar nicht etwas, das eine U(POZA/KOROS TW=N XQONI/WN QEW=N einem Uneingeweihten und einem männlichen Wesen

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nahelegen würde.7 Und wie eine Warnung überkommt ihn ein heiliger Schauer (FRI/KHS AU)TO\N U(PELQOU/SHS, 6,134,2). Er kehrt um und eilt zurück. Doch beim Sprung über die Einfriedung verletzt er sich,8 das Verhängnis hat bereits seinen Lauf genommen. Nach dem Abzug des Miltiades erfahren die Parier von den Kontakten der Timo und senden, da sie sie zu bestrafen wünschen, Orakelbefrager nach Delphoi,9 um herauszufinden, ob Timo zu exekutieren sei, W(S E)CHGHSAME/NHN TOI=SI E)XQROI=SI TH=S PATRI/DOS A(/LWSIN KAI\ TA\ E)S E)/RSENA GO/NON A)/RRHTA I(RA\ E)KFH/NASAN *MILTIA/DH| (6,135,2).10 Die Parier, zumal sie all dies nicht aus eigenem, sondern erst über Umwege wissen können, sind hier natürlich im Irrtum, wie das Orakel sie sogleich aufklären wird: H( DE\ *PUQI/H OU)K E)/A, FA=SA OU) *TIMOU=N EI)=NAI TH\N AI)TI/HN TOU/TWN, A)LLA\ DEI=N11 GA\R *MILTIA/DEA TELEYTA=N MH\ EU)=, FANH=NAI/ OI( TW=N KAKW=N KATHGEMO/NA (6,135,3). Die Pythia will wohl kaum einerseits die Parier in der Anschuldigung bestätigen, anderseits die Timo aber dadurch beschützen, daß sie zum Gespenst12 umfunktioniert wird. Herodotos hat tiefere Gründe, wenn er ausdrücklich das Orakel anführt. Die Götter gehen verschlungenere Wege,13 wenn sie einen Sterblichen verderben.14 Die Schuld des Miltiades

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ist, daß er den Sinn der Rede der Timo nicht zu deuten wußte und zum Demeterheiligtum ging, um einen unheiligen Akt zu begehen. In dieser Art und Weise ist Timo wahrhaftig ein KATHGEMW\N TW=N KAKW=N, und die Pythia deutet den Pariern das Geschehen in diesem Sinne.15 So führte das Verhängnis Miltiades gradlinig von der Höhe des Ruhmes über unvorhergesehene Schwierigkeiten bei der Berennung der Stadt Paros zu seinem schicksalhaften Irren, welches ihn die Gottheiten zu kränken verleitet, und von hier zur Verwundung nahe dem Heiligtum und zum elenden Ende infolge der Verletzung.16 Wir tun gut daran, uns in Erinnerung zu rufen, daß mit dem Ende des Miltiades weder sein Abzug17 aus Paros noch der daraus resultierende Prozeß und die Verurteilung zur Zahlung von fünfzig Talenten auch nur das geringste zu tun hat.18

Die Art, wie die Person des Miltiades in die Geschichte 'der Athener', des Demos, hineinverwoben ist, stellt die zweite der oben [S. 281] angedeuteten Linien dar. In diesen Bereich gehören 6,132-133, 6,135,1, und (zum größten Teil) 6,136. Herodotos beginnt den Exkurs mit den Worten META\ DE\ TO\ E)N *MARAQW=NI TRW=MA19 GENO/MENON *MILTIA/DHS, KAI\ PRO/TERON EU)DOKIME/WN PARA\ *A)QHNAI/OISI, TO/TE MA=LLON AU)/CETO (6,132). Hierzu findet sich eine aufschlußreiche Parallele 1,59,4-5: (Peisistratos ist das Subjekt) . . . PRO/TERON EU)DOKIMH/SAS E)N TH|= PRO\S *MEGARE/AS GENOME/NH| STRATHGI/H|, *NI/SAIA/N TE E(LW\N KAI\ A)/LLA A)PODECA/MENOS MEGA/LA E)/RGA. (5) O( DE\ DH=MOS O( TW=N *A)QHNAI/WN E)CAPATHQEI\S E)/DWKE/ OI( TW=N A)STW=N KATALE/CAS A)/NDRAS KTL. Wir begegnen hier allem Anschein nach einer herodotischen Stereotypvorstellung vom Verhalten des athenischen Demos. Auch der Ausdruck AU)CA/NESQAI siedelt sich gerne im Dunstkreis des Demos an.20

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Außerordentlich charakteristisch für Herodotos' Einschätzung seiner Umwelt, ganz besonders aber der Athener, sind die Argumente, mittels derer Miltiades die Athener dazu zu gewinnen versteht, seinem Vorhaben zuzustimmen, mit siebzig Schiffen, Soldaten und erforderlichen Geldmitteln ausgerüstet in die Ägäis zu segeln. Herodotos fügt hier übrigens hinzu, daß Miltiades das Ziel der geplanten Expedition nicht publik gemacht habe; es mutet freilich nahezu unglaubhaft an, daß Herodotos selbst dies wörtlich so gemeint hatte: bei einer Operation derartigen Ausmaßes hatte gewiß eine nicht unerhebllche Zahl der darüber Abstimmenden mit ihrer Heranziehung zur Dienstleistung als Schiffsmannschaft oder Truppen zu rechnen.21 Jedenfalls ist es in der Sicht Herodotos' charakteristisch genug gewesen, daß das Motiv der Bereicherung die Athener zur glatten Annahme des Vorschlages bestimmen konnte und daß Miltiades dies auch sehr wohl zu nützen wußte.22 Er stellt Bereicherung (KATAPLOUTIEI=N) in Aussicht, da sie XRUSO\N EU)PETE/WS A)/FQONON OI)/SONTAI (6,132). Solche Versprechungen verfehlen ihre Wirkung nicht: LE/GWN TOIAU=TA AI)/TEE TA\S NE/AS. *A)QHNAI=OI DE\ TOU/TOISI E)PARQE/NTES PARE/DOSAN23 (6,132). Wir erinnern hier an die von Aristagoras von Miletos erfolgreich in Athen vorgebrachten Argumente als es ihm gelang, die Athener zur Unterstützung des ionischen Aufstandes zu bereden (5,97); und im Jahr 479 lassen sich die Griechen auf Delos erst durch Verheißung reicher Beute zum Aussegeln gegen Mykale verlocken (9,90,2), worin sie dann auch nicht enttäuscht wurden (9,106,1).

Miltiades segelt geradewegs nach Paros,24 wofür er eine PRO/FASIS, nämlich parische Gefolgschaft bei Marathon,25 bereit hat (6,133,1). Freilich, den

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Pariern selber gegenüber ist keine PRO/FASIS vonnöten, wie Herodotos selbst im folgenden Paragraphen eindrucksvoll beschreibt —, da wird einfach gedroht und gefordert.26 Eine solche PRO/FASIS ist jedoch durchaus notwendig, wenn es gilt, den Angriff anderen gegenüber zu rechtfertigen. Man möchte meinen, daß diese PRO/FASIS, die ja von Anbeginn an zur Verfügung steht, zuerst einmal von Miltiades den Athenern selbst gegenüber ins Treffen geführt worden ist; dann aber ist wohl dasselbe von den Athenern ganz allgemein zur Rechtfertigung vor den anderen Griechen ausgenützt worden. Herodotos hätte hier ebenso von einer PRO/FASIS 'der Athener' schlechtweg berichten können, wie etwa 6,49,2, wo die Athener die Aigineten in Sparta wegen Kollaboration verklagen. Im folgenden Satz wird nun jene PRO/FASIS als ein PRO/SXHMA LO/GOU bezeichnet: A)TA/R TINA KAI\ E)/GKOTON EI)=XE TOI=SI *PARI/OISI DIA\ *LUSAGO/REA TO\N *TEI/SEW, E)O/NTA GE/NOS *PA/RION, DIABALO/NTA MIN PRO\S *U(DA/RNEA TO\N *PE/RSHN (6,133,1). Ein Musterstück herodotischer KAKOH/QEIA?27 Hetze beim Perser, wie wir uns erinnern, war die Hauptbeschäftigung des Hippias; Herodotos kehrt dies in seiner Darlegung der Angsthandlungen des athenischen Demos wirkungsvoll hervor (5,96). Wenn die Hetze des Lysagoras28 beim Perser in die Zeit um Marathon fällt, erklärt sich diese Motivierung völlig zwanglos. Während die Athener vor der hellenischen Öffentlichkeit die Kollaboration der Parier geltend machen können, steht ihnen überdies noch ein höchst überzeugendes Motiv für sich selber zu Gebote, in der Form der Verleumdung des Strategos des athenischen Demos vor dem persischen General Hydarnes.

Schließlich aber kehrt Miltiades unverrichteter Dinge heim: *MILTIA/DHS ME/N NUN FLAU/RWS E)/XWN A)PE/PLEE O)PI/SW, OU)/TE XRH/MATA *A)QHNAI/OISI A)/GWN OU)/TE *PA/RON PROSKTHSA/MENOS, A)LLA\ POLIORKH/SAS TE E(\C KAI\ EI)/KOSI H(ME/RAS KAI\ D HI+W/SAS TH\N NH=SON (6,135,1). Dieser kurze Paragraph ist dem Inhalt nach ein Einschiebsel und dient grammatikalisch bereits der Einführung der Orakelgeschichte, wobei gemäß dem Gebrauch der Konstruktion dies gewissermaßen zusammenfassend-anknüpfend erzielt wird. Die Betonung kann infolgedessen nicht so sehr auf dem A)PE/PLEE O)PI/SW liegen (an welches dann die weiteren

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Partizipia angehängt werden), als vielmehr auf FLAU/RWS E)/XWN,29 welches sich direkt aus der vorangehenden Darstellung ableitet, gleichzeitig aber für das Verständnis des Orakels (6,135,3) von größter Bedeutung ist. In den Partizipien hingegen finden wir einige Angaben, die für die Miltiades-Athener-Linie [oben S. 281]von Belang sind. Herodotos scheidet klar zwischen der Bereicherung und dem 'Herübergewinnen'30 von Paros. Letzteres verrät ein unzweifelhaftes strategisches Konzept hinter der Parosexpedition, so wie es bereits oben (6,133,1) zum

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Ausdruck kam, und welches nicht das mindeste mit dem Bereicherungsversprechen31 gemein hat, das durch die Einnahme von Paros nicht hätte erfüllt werden können. Von Wichtigkeit ist an dieser Passage aber vor allem, daß Herodotos sich jeglicher Angabe zu den Gründen des Abbruches der Belagerung von Paros enthält32. Der Verweis auf seine üble Verfassung, wie wir oben [S. 281] gesehen haben, dient der Überleitung zur Orakelgeschichte. Auf alle Fälle legt Herodotos mit keinem Wort den Schluß nahe, daß Miltiades wegen der Verletzung die Belagerung abgebrochen hätte.

Die 'Demos'-Linie mündet in die Feststellung 6,136,3 PROSGENOME/NOU DE\ TOU= DH/MOU AU)TW|= KATA\ TH\N A)PO/LUSIN TOU= QANA/TOU, ZHMIW/SANTOS DE\ KATA\ TH\N A)DIKI/HN PENTH/KONTA TALA/NTOISI. Es ist auch der Demos gewesen, welcher Miltiades nach dem Fehlschlagen der Anklage wegen Tyrannis auf der Chersonesos vor dem Gerichtshof zum Strategos wählte: A)POFUGW\N DE\ KAI\ TOU/TOUS [sc. TOU\S E)XQROU\S] STRATHGO\S OU(/TWS *A)QHNAI/WN A)PEDE/XQH, AI(REQEI\S U(PO\ TOU= DH/MOU (6,104,2). In so intimer Verbindung mit dem Demos begegnen wir nur noch Peisistratos und Kleisthenes, und wohl auch Themistokles bis zum Xerxeszug33. Die Erhebung einer Anklage, die nicht durchschlägt, ist für Herodotos Sache der E)XQROI/ des Beklagten an mehreren Stellen, so im Fall des Miltiades selbst nach seiner Flucht von der Chersonesos (6,104,2), oder im Fall des Kleomenes 6,82,1. So ist es auch die Klage des Xanthippos, A)PA/THS EI(/NEKEN, von der der Demos sich distanziert. Herodotos läßt uns übrigens bezüglich der Beründung dieser Klage ebenso im Dunkeln wie über die Gründe des Abzuges des Miltiades von Paros. Ein völliger Freispruch des Miltiades kommt hingegen nicht zustande, was durchaus übereinstimmt mit der allgemeinen Stimmung gegen Miltiades nach seiner Rückkehr (*A)QHNAI=OI DE\ E)K *PA/ROU *MILTIA/DEA A)PONOSTH/SANTA EI)=XON E)N STO/MASI, KTL., 6,136,1). Wenn Herodotos den Demos Miltiades wegen seiner A)DIKI/H bestrafen läßt, wird er wohl etwas anderes im Sinn gehabt haben, als bloß A)PA/TH zu variieren.34 Als im Herbst 479 die Soldaten die

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Belagerung von Sestos abzubrechen begehrten, weigerten sich die anderen Strategoi und Xanthippos mit der Begründung, sie müßten hierzu einen Befehl der Volksversammlung erhalten (OU)K E)/FASAN PRI\N H)\ E)CE/LWSI H)\ TO\ *A)QHNAI/WN KOINO/N SFEAS METAPE/MYHTAI, 9,117). So hätte sich klärlich auch Miltiades verhalten müssen. Er hätte von der Volksversammlung zum Abbruch der Belagerung von Paros autorisiert werden müssen, anstatt eigenmächtig den Willen des Demos zu ignorieren. A)PA/TH scheint demnach35 eine weit schwerere Anklage darzustellen. Am ehesten könnten die von der Verteidigung des Miltiades ins Treffen geführten Argumente geeignet sein, den Inhalt der A)PA/TH-Klage zu verdeutlichen.36 U(PERAPELOGE/ONTO OI( FI/LOI, TH=S MA/XHS TE TH=S E)N *MARAQW=NI GENOME/NHS POLLA\ E)PIMEMNH/MENOI KAI\ TH\N *LH/MNOU AI(/RESIN, W(S E(LW\N *LH=MNO/N TE KAI\ TEISA/MENOS TOU\S *PELASGOU\S PARE/DWKE *A)QHNAI/OISI37 (6,136,2). Es bleibt ziemlich undeutlich, wie die Schlacht von Marathon und die Eroberung von Lemnos38 die Kapitalklage entschärfen konnten. Doch wenn die A)DIKI/H des Miltiades im unautorisierten Abbruch der Belagerung von Paros, und somit der gesamten Flottenexpedition, bestanden hat, so muß die ursprüngliche Anklage wesentlich schwerere Vergehen vorgebracht haben, die nur durch den Verweis auf Marathon und Lemnos unglaubhaft gemacht werden konnten. Beide historischen Ereignsse haben gewiß eines gemein: Miltiades' Loyalität gegenüber seiner Vaterstadt, sowie die Unbeirrbarkeit in deren Bewahrung. Das heißt im Falle von Marathon: Unverrückbarer, geradezu starrhalsiger Wille, auch in scheinbar verzweifelter Lage nicht auf die Versprechungen der Perser zu hören.

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Das genealogische Element, welches gleichfalls in 6,136,3 ins Spiel kommt, wird durch die Erwähnung des Kimon gesichert: TA\ DE\ PENTH/KONTA TA/LANTA E)CE/TEISE O( PAI=S AU)TOU= *KI/MWN (6,136,3); wir vergleichen den Beschluß de[s] 'Alkmeoniden[exkurses]': *PERIKLE/A *CANQI/PPW| (6,13I,2)39 (erste der drei eingangs [S. 280]genannten Linien).

Wir wenden uns nun dem Kernpunkt unserer Interpretation zu: Nachdem Herodotos das Auftreten des Miltiades auf Paros sowie die Verteidigungsmaßnahmen der Parier beschrieben hat, leitet er zur Darstellung der schicksalhaften Begegnung des Miltiades mit Timo und seines Ganges zum Demeterheiligtum über mit den folgenden Worten: E)S ME\N DH\ TOSOU=TO TOU= LO/GOU OI( PA/NTES *E(/LLHNES LE/GOUSI, TO\ E)NQEU=TEN DE\ AU)TOI\ *PA/RIOI GENE/SQAI W(=DE LE/GOUSI (6,134,1) — für den bisherigen Bericht also sind alle Griechen Gewährsmänner, im folgenden hingegen sind die Parier selbst Gewährsleute dafür, daß es sich wie folgt zutrug. Es handelt sich hier keineswegs um das vertraute Gegenüberstellen verschiedener Quellen: der Gegensatz ist nicht einer von OI( PA/NTES *E(/LLHNES — AU)TOI\ *PA/RIOI, sondern vielmehr von E)S TOSOU=TO TOU= LO/GOU — TO\ E)NQU=TEN! Was vorangeht, ist von allgemeinem Charakter und bedarf infolgedessen keiner näheren Quellenangabe —, das weitere hingegen spielt sich auf der Insel Paros ab und enthält allerlei detaillierte Angaben über lokale Gegebenheiten, weshalb Herodotos, um seinen Angaben Nachdruck zu verleihen, sich speziell auf die Parier selbst beruft.40 Das Pronomen AU)TOI/41 soll eben diesen Anspruch

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auf besondere Glaubwürdigkeit der örtlich bedingten Einzelheiten unterstreichen.42 Wir sind folglich durch nichts zu der Annahme veranlaßt, daß die Version 'aller Griechen' und die der Parier43 selbst einander ausschlössen oder widersprächen.44

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Vom Standpunkt des modernen Historikers aus betrachtet, fällt der Bericht des Herodotos höchst unbefriedigend aus, und der Historiker ist es gewohnt, die Mängel des Herodotos als Historiker zu monieren, während es sich doch stets zu erweisen scheint, wie sehr der pater historiae45 zwar den Beinamen pater verdient, aber eben nicht selber auch historia darstellen kann. Gewiß ist Herodotos durchaus imstande, 'historische' Methoden anzuwenden,46 doch wäre es verfehlt, es darum für erwiesen zu halten, daß er sich dessen auch bewußt sei. Gewiß besitzt Herodotos Qualitäten eines 'Historikers', wenn er bereit ist, diese zu demonstrieren, doch mag er just an solchen Stellen gewissermaßen aus dem Rahmen fallen. Hätte sich Herodotos' Art des Schriftstellerns zu einem eigenen Literaturgenre entwickelt, könnten eben jene historisch einwandfreien Passagen Anlaß zur Kritik geben. Gleichermaßen sollte man auf der Hut davor sein, Grundsätze existierender Literaturgattungen in Herodotos hineinzuinterpretieren, weil solcherart falsche Kategorien in sein Werk hineingetragen würden, die unser Verständnis durch einen vorbestimmten Blickwinkel einengen. Dies gilt insbesondere von der zu Herodotos' Zeit bereits voll ausgebildeten Tragödie. Hätte Herodotos Tragiker sein wollen, so hätte er Tragödien geschrieben —, also hat ihm etwas anderes vorgeschwebt. Dennoch mag er in einem technischen Aspekt gleich dem Tragödiendichter verfahren, indem er den Stoff und

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Hintergrund dessen, was er künstlerisch zu gestalten unternimmt, als in großen Zügen allgemein bekannt voraussetzt.47 Unbefangenes Nachlesen des von uns behandelten Textes 6,132-136 scheint dies vorzüglich zu verdeutlichen. Herodotos verläßt sich durchgehend auf allgemein verbreitete und bekannte Griechentraditionen über die letzte Unternehmung des Miltiades und sein Ende. Auf diesem Hintergrund webt er sein eigenes Bild48 vom Fehlen und Verderben des Mannes, der eben noch auf der Höhe seines Ruhmes stand.

Im Licht solcher Überlegungen heben sich Konzepte wie etwa Vorurteile des Herodotos für oder gegen bestimmte Familien oder Persönlichkeiten oder Gemeinwesen, bedingt etwa durch den Einfluß bestimmter Quellen, von selbst auf.49 Wenn Herodotos hier den Weg eines Mannes zu seinem Untergang nachzeichnet, bedarf es keiner kleinlichen Vorurteile seinerseits zum Verständnis der Darstellung. Noch hat Herodotos des vertrauten Umganges mit 'Philaiden' oder Alkmeoniden bedurft, um zu berichten, was ihm genügend andere Athener verschiedener Altersgruppen und politischen Engagements, und sogar Nicht-Athener, mitteilen konnten.50 Der Kreis der persönlichen Kontakte und der somit möglichen Quellen ist zu groß, als daß wir Herodotos so engstirnige Beschränkung zu unterstellen brauchen. Die Schwierigkeit, bestimmte Quellen namhaft zu machen, wird an allen jenen Stellen deutlich, wo Herodotos ganz spezifisch wird. Wir nehmen hier als erstes die Zahlenangaben, nämlich des Miltiades Antrag um Überantwortung von siebzig Schiffen, seine Forderung auf Paros zur Zahlung von einhundert Talenten, die sechsundzwanzig Tage der Belage-

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rung, seine Verurteilung zu fünfzig Talenten. In keinem Fall kann eine genaue Quelle angenommen werden, sofern die eine oder andere Angabe nicht ohnehin [stereo]typisch und daher erfunden ist.51 Auch bei Personennamen kommen wir nicht weiter, weder bei Lysagoras noch bei Timo noch bei Xanthippos. Die Nennung des Anklageführers könnte sowohl pro- wie anti-alkmeonidisch sein, wenn man eine Tendenz heraushören möchte, und dementsprechend müßte auch die Quellenfrage zu beantworten sein; freilich ist nicht einzusehen, weshalb bei einem vor dem Demos geführten Prozeß nicht auch ungezählte andere Gewährsmänner in Frage kämen. Was Timo betrifft, so ist sie zwar Parierin, war aber auf der athenischen Seite als Kriegsgefangene, als sie sich mit Miltiades unterredete, so daß die Parier als Gewährsleute erster Hand auszuschalten sind;52 Miltiades und seine Umgebung müßten als natürlichste Quelle gelten, doch sollte anderseits eine Alkmeonidenquelle näherliegen, wenn hier eine Miltiades-feindliche Tendenz zu vermuten wäre. Ähnlich gelagerte Schwierigkeiten treten in Zusammenhang mit Lysagoras, Sohn des Teisies, von Paros auf.53 Schließlich erwähnen wir noch den Umstand, daß Herodotos gerade dort, wo echtes Sonderwissen vorliegen könnte, keine Angabe zur Quelle macht, nämlich im Fall des delphischen54 Orakelspruches über Timo und das Verhängnis des Miltiades.

Die wesentlichen Ergebnisse dieses ersten Abschnittes in Überblicksform:

(1) Herodotos' Bericht 6,132-136 repräsentiert durchgehend die 'Griechenversion' oder 'Vulgata'; es läßt sich nicht erweisen, daß Herodotos irgendwelche Sonderquellen bestimmten Partien dieses Berichtes zugrunde gelegt hätte (noch auch, welcher Art diese gewesen wären).

(2) Herodotos' Bericht handelt vom Verderben des Mannes Miltiades und ist als solcher nur beschränkt 'historisch' in seiner Zielsetzung; die nicht unerhebliche Reihe 'historischer' lacunae konnte sich der Zeitgenosse aus der 'Vulgata' selber ergänzen. Diese für den Historiker sich aufwerfenden Fragen seien hier, zusammen mit den aus Herodotos selbst abzuleitenden Antworten oder Hinweisen, vorgeführt:



(a) Expeditionsziel                 nicht bloß Paros

(b) Bedeutung der Lysagoras-        Miltiades als Repräsentant
    verleumdung                     des Demos verleumdet

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(c) Ursache der A)PORI/A des (Zeitfaktor?) Miltiades (d) Inhalt des Rates der Timo ? (nicht aus Miltiades' Gang zum Temenos erschließbar) (e) Sinn des Ganges zum Temenos ? (nicht = Sinn des Rates der Timo — Miltiades' 'tragisches' Irren) (f) Grund des Abbruches der ? (nicht = Verwundung) Flottenunternehmung (g) Begründung der ? (in den Umständen Anklage des Xanthippos des Abbruchs der Unternehmung (A)PA/TH) zu suchen) (h) Begründung der unautorisierter Abbruch Verurteilung (A)DIKI/H) der Flottenunternehmung (nicht = A)PA/TH).

Zweiter Abschnitt: Ephoros

Eine in sich geschlossene Gesamtdarstellung des Schicksals des Miltiades nach der Schlacht von Marathon, worin die Parosunternehmung in einen weiter gespannten historischen Zusammenhang gesetzt ist, tritt uns in drei Widerspiegelungen entgegen: bei Cornelius Nepos,55 Stephanos56 Byzantios und [in] einer Gruppe von vier Arsteidesscholien.57 Darüber hinaus ist diese letzte Kampagne des Marathonkämpfers ohne vernehmbaren Widerhall geblieben, wenn man von der indirekten Bezugnahme absieht, die sich aus einigen Hinweisen auf sein Ende ergibt. Dies aber ist bereits der Kimontradition58 zuzurechnen. Da diese überaus komplexe Frage bei weitem über die hier zu behandelnden Probleme hinausginge (und nichts Wesentliches hierfür abwürfe), wenden wir uns sogleich der eben bezeichneten Gruppe von Texten zu.59

Der Weg zu einer namentlich benennbaren Sachquelle wird durch zwei offen zutage liegende Tatsachen vorgezeichnet. Erstens dadurch, daß gewiß

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nur wenige Geschichtswerke die doch recht ephemere Episode in der Geschichte Athens (und erst recht der 'Weltgeschichte'), die sich um das Ende des Miltiades rankt, in großer Ausführlichkeit behandelten;60 und zweitens erscheint im Text des Stephanos Byzantios als Quelle für die Sprichworterklärung der Name des Ephoros.61 Im folgenden soll aufgezeigt werden, daß Cornelius Nepos, Stephanos Byzantios und die Aristeidesscholia in der Tat allesamt ein und derselben Vorlage verpflichtet sind, womit die Identifizierung der Vorlage mit dem Historiker Ephoros von Kyme gesichert ist.

In Beilage 1 sind Cornelius Nepos und Stephanos Byzantios im ungekürzten Wortlaut nebeneinander gestellt. Die altbekannte Tatsache der engen Verwandtschaft von Cornelius Nepos §§ 1-3 und Stephanos Byzantios ist offensichtlich. Doch es ist gleichermaßen handgreiflich, wie alles, was keinen oder nur einen mittelbaren Bezug auf das Sprichwort A)NAPARIA/ZEIN hatte, bei Stephanos Byzantios rigoros gestrichen ist. Es bleiben indes genügend Detailangaben, die deren Herkunft aus einer viel ausführlicheren und weiter ausgreifenden Vorlage nahelegen. Im übrigen fällt auf, wie sehr alle jene Ausdrücke bei Stephanos Byzantios, welche keine direkte Entsprechung bei Cornelius Nepos finden (durch [doppelte Unterstreichung] gekennzeichnet), doch ganz im Rahmen des auch von Cornelius Nepos Berichteten bleiben.

Die mit Stephanos Byzantios übereinstimmenden Sätze im Cornelius Nepos ergeben mit den vorangehenden und den anschließenden Passagen ein sinnvoll gefügtes inhaltliches Ganzes, mit welchem sie engstens verklammert sind. Der Einleitungssatz bereitet einerseits die Paroserzählung, die sonst ein isoliertes Kuriosum bliebe, logisch vor, während er andererseits für sich allein genommen kein Eigenrecht besäße —, wie sonst ließe die Ausfahrt des Miltiades in die Inseln sich fortsetzen. Besonders aber ist die Begründung der Anklage des Miltiades nach dem Scheitern des Unternehmens nur aus dem parallel durch Stephanos Byzantios und Cornelius Nepos überlieferten Abschnitt abzuleiten, in welchem geschildert wird, wie nahe dem Erfolg Miltiades war: also ist der abrupte Abzug durch großkönigliche Bestechung zuwege gebracht worden, da Miltiades doch die Insel hätte erobern können. Die von Stephanos Byzantios und Cornelius Nepos bewahrte Passage fügt sich derart in den gesamten Geschehensablauf bei Cornelius Nepos bruchlos und un[heraus]lösbar ein. Cornelius Nepos arbeitete hier nach einer in großer Detailliertheit fortschreitenden Vorlage, deren Aufbau sich aufgrund des durch Cornelius Nepos Erhaltenen folgendermaßen darstellt:62

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(a) Hintergrund der Unternehmunung. — (b) Ausfahrt und erste Aktionen. — (c) Auftreten auf der Insel Paros. — (d) Belagerung der Stadt Paros. — (e) Übergabeverhandlungen; Abbruch der Unterhandlungen wegen eines falsch gedeuteten Feuerscheines. — (f) Abbruch der Belagerung durch Miltiades wegen derselben Feuerzeichen. — (g) Miltiades kehrt unverrichteterdinge nach Athen zurück; Anklage wegen Hochverrates (Bestechung durch die Perser). — (h) Miltiades verteidigt sich infolge einer Verwundung nicht selbst. — (i) Umstände der Verletzung während der Belagerung von Paros. — (j) Freispruch von der Todesstrafe; Verurteilung zu fünfzig Talenten. — (k) Einkerkerung bis zur Begleichung der Strafsumme; Tod im Gefängnis an den Folgen der Verletzung.

Von all jenen Ereignissen findet sich bei Stephanos Byzantios nur (b) bis (e). Doch sollte eine Quelle, welche es sich leisten konnte, dem A)NAPARIA/ZEIN vergleichsweise breiten Raum einzuräumen, sich die Gelegenheit, die Umstände der Verletzung (die Herodotos so bunt ausbreitete) gleichermaßen ausführlich darzustellen, haben entgehen lassen? Cornelius Nepos ist hier entschieden zu sparsam mit Worten: aeger erat uulneribus, quae in oppugnando oppido acceperat ( 5). Beträchtliche Überreste einer ausführlichen Beschreibung sind hingegen in den Aristeidesscholia zu finden.

In Beilage 2 sind die [vier verschiedenen] Aristeidesscholia einander gegenübergestellt (Ausdrücke, die ihnen mit Cornelius Nepos gemein sind, sind durch einfache Unterstreichung hervorgehoben). Die überaus enge Verwandtschaft der Texte untereinander ist hinlänglich evident. Alle knüpfen sich an das Gerichtsverfahren (und den anschließenden Tod) des Miltiades. Dementsprechend ist dieser Aspekt in allen vier Aristeidesscholia am vordergründigsten und bedingt auch den Einschluß der Verwundung. Umgekehrt ist alles, was mit dem Sprichwort A)NAPARIA/ZEIN in Zusammenhang steht, mit derselben Gründlichkeit eliminiert,63 mit der es als einziges bei Stephanos Byzantios aus dem Zusammenhang gelöst erhalten blieb. Durch all jene charakteristischen Verkürzungs- und Verdunkelungserscheinungen hindurch, durch welche Scholien gekennzeichnet zu sein pflegen,64 ist dennoch eine einheitliche Tradition deutlich erkennbar geblieben, in welcher die Parosexpedition in einen weiteren historischen Zusammenhang gestellt war. Einander teilweise überschneidend, teilweise ergänzend, und trotz allerlei wenig ver-

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trauenerweckenden Kontaminationen einander in der Hauptsache nicht widersprechend, treten uns hier die Teile (g) bis (k) der Gesamtdarstellung unverkennbar entgegen. Wir dürfen demnach zuversichtlich die Behauptung für so gut wie bewiesen ansehen (soweit in solchen Fragen Sicherheit überhaupt erreichbar ist), daß die Aristeidesscholia gleichfalls aus Ephoros herzuleiten sind. Es zeigt sich also, daß auch Ephoros eine vergleichsweise sehr ausführliche Schilderung der Umstäde der Verletzung des Marathonsiegers auf Paros zu geben wußte: als sich Miltiades im Verlauf der Belagerung — von Feindesblut befleckt dem Demeterheiligtum nahte, traf ihn E)C A)FANOU=S ein Geschoß am Oberschenkel —, ein Vorfall, den Miltiades als göttliches Zeichen auffaßte.

Wir sind nun bereits in der Lage zu sagen, worin sich die Darstellung bei Ephoros von der des Herodotos abhob.65 Ephoros ist strikte historisch, wo Herodotos das Menschendasein in weiteren Dimensionen zu ergründen sucht. Wo Herodotos dem verhängnisvollen Irren des Miltiades und der Aufhellung des Sachverhaltes durch das Orakel breiten Raum widmet (nicht weniger als etwa ein Drittel von 6,132-136), stehen bei Ephoros die ereignis- und handlungsgebundenen Tatsachen im Vordergrund. Wo Herodotos gleichsam dahingleitet auf bedenkenlos vorausgesetztem Durchschnittswissen seiner Leser, berichtet Ephoros in erschöpfender Ausführlichkeit. Er greift hierbei offenbar lediglich auf Traditionen zurück, die mit Herodotos parallel laufen, und, wo keine Parallelberichte vorliegen, auf sein eigenes historisches Vorstellungs- und Gestaltungsvermögen. Es ist jedoch von vorneherein stets damit zu rechnen, daß Ephoros vermutlich keine von Herodotos unbeeinflußte, und somit unabhängige, Tradition vorgelegen haben mag.66 Demnach müßte Ephoros seine durchgehende Darstellung der Ereignisse von der Autorisierung der Expedition durch die Volksversammlung an bis zum Tod des Miltiades aus Herodotos heraus entwickelt haben, indem er unter Beibehaltung der historischen Bestandteile der herodotischen Schilderung dessen insgesamt nur beschränkt 'historische' Darstellung durch Heranziehung

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der bereits bei Herodotos implizite präsenten Vulgärüberlieferung mit seinem eigenen Geschichtsdenken durchdrungen und in eine rein historische umgewandelt hat.67 In einem Punkt allerdings dürfen wir auf all diese Überlegungen verzichten und uns darauf beschränken festzustellen, daß Ephoros und Herodotos unvereinbar sind: Es ist dies die Mitteilung bei Ephoros, daß Miltiades, bis zur Begleichung der Schuld ins Gefängnis geworfen, daselbst verstorben sei —, doch gehört dies im Grunde bereits in die Kimontradition;68 darin folgte Ephoros anderen Quellen und hatte keine Bedenken, Herodotos über Bord zu werfen.

Der Prüfstein des zuvor Gesagten ist im Verhältnis der sogenannten Parierversion (Hdt. 6,134) und der 'Vulgata' (A)NAPARIA/ZEIN-Bericht) zueinander zu suchen. Ephoros nahm den Bericht, welcher das Sprichwort erläutert, gewiß nicht nur um dieses Selbstzwecks willen in seine Darstellung auf.69 Die Funktion, die diesem Detail innerhalb der Gesamtdarstellung von Ephoros zugedacht war, erhellt sich aus Cornelius Nepos. Nur so nämlich wird der unvermittelte Abzug des Miltiades aus Paros und die unmittelbare Heimfahrt nach Athen begreiflich. Herodotos kümmerte es nicht, daß er den Abbruch der Belagerung ohne jegliche Begründung ließ.70 In seiner künstlerisch gestalteten Niederschrift unter einem nicht historisch umrissenen Blickwinkel verblassen die historischen Kriterien, wie seltsam auch immer dies den modernen Historiker (und schon denjenigen des vierten Jahrhunderts v.u.Z.) berühren mag. Für Herodotos endete Miltiades böse, als er sich, verhängnisvoll irrend, Unheiliges in den Sinn gesetzt hatte und so den Weg ins Unheil antrat, auf welchem er die todbringende Wunde erlitt. Dem verderblichen Gang zum Demeterheiligtum gilt darum Herodotos' besonderes Interesse, und für die hierbei angeführten Lokaldetails zitiert er die Parier namentlich. Bei Herodotos bedingt die sogenannte Parierversion im weiteren den Einschluß des Orakels und seiner Erfüllung, während der A)NAPARIA/ZEIN-Bericht bei Ephoros den Tatsachenbestand der Hochverratsklage gegen Miltiades herstellt. Obgleich diese Betrachtungen

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allein ausreichten, um die Undenkbarkeit einer Alternativrolle der sogenannten Parierversion zum A)NAPARIA/ZEIN-Bericht (als dem der 'Vulgata') zu beleuchten, konnten wir zu allem Überfluß auch noch erkennen, daß Ephoros die Umstände der Verwundung des Miltiades gleichfalls behandelte. Auch Ephoros kennt das Demeterheiligtum auf der Insel Paros, nahe welchem Miltiades die zum schließlichen Tod führende Wunde erlitt. Doch hat Ephoros die Schilderung 'rationalisiert', insofern er die Vorgänge in eine logisch lückenlose Abfolge verwandelt und in einen ebenso angelegten weiteren Kontext einbaut. Ephoros' Bericht enthält nichtsdestoweniger religiöse Elemente, welche indes nicht dem geistigen Oberbau zugeordnet sind (wie bei Herodotos), sondern auf das faktische Detail beschränkt bleiben. Der Schuß E)C A)FANOU=S wird dem Ephoros kein göttliches Zeichen bedeutet haben, doch es leuchtet ihm ein, daß Miltiades dies so verstanden haben mag, und auf alle Fälle nahe man sich eben nicht einem Helligtum in unreinem Zustand (und erst recht nicht einem Lokalheiligtum, wenn man mit dem Blut der Einheimischen befleckt ist). So wird in der durchaus nüchternen Darstellungsweise des Ephoros sich ein gewisses Element des Übernatürlichen gefunden haben, welches sich jedoch ganz auf die Person des Miltiades beschränkt. Warum sollte der Vorfall dem Miltiades nicht einen heiligen Schauer eingejagt haben, in welcher Gemütsstimmung der bereits verwundete Stratege nur zu leicht dazu bestimmt wird, beim Aufleuchten der Feuerbrände am Horizont alles für verloren zu geben, die Belagerung abzubrechen und geradewegs nach Athen zurückzukehren?71

Die *PA/RIOI-LE/GOUSI-Geschichte des Herodotos und der A)NAPARIAZEIN-Bericht bei Ephoros sind aus miteinander funktionell und faktisch nicht zusammenhägenden, getrennten Etappen der Parosexpedition entnommen. Die beiden Darstellungen repräsentieren weder zwei miteinander in Widerspruch befindliche, einander ausschließende 'Varianten', noch läßt die A)NAPARIA/ZEIN-Schilderung Schlüsse über die Relation Ephoros-Herodotos, bzw. deren Quellen, zu. Was Ephoros tatsächlich von jenen die *PA/RIOI-LE/GOUSI-Geschichte bildenden Vorgängen, nämlich den Umständen der Verwundung des Miltiades, zu berichten hat, ist dagegen so wenig von Herodotos verschieden, daß man nur annehmen könnte, auch Ephoros folge der 'maliziösen', 'Miltiades-feindlichen', 'nur von den Pariern' kolportierten Version — oder, unsere oben dargelegte Auffassung adoptierend, den Schluß zieht, daß Herodotos durchgehend der 'Vulgata' folgt, einschließlich der bei Ephoros bewahrten A)NAPARIA/ZEIN-Geschichte samt Folgen und Folgerungen, alles Fakten von vergleichsweise simpler Allgemeinheit, wie sie auch außerhalb der engen Grenzen Attikas in der 'Griechenüberlieferung' als 'Vulgata' tradiert werden konnten und von Herodotos als allgemein verbreitet in seiner Darstellung des 'tragischen' Endes des

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Miltiades stillschweigend vorausgesetzt wurden. Am Ende verbleiben nur die trivialen 'Varianten' KATAQRW|/SKONTA DE\ TH\N AI(MASIH\N TO\N MHRO\N SPASQH=NAI (Hdt. 6,134,2), OI( DE\ AU)TO\N TO/ GO/NU PROSPTAI=SAI LE/GOUSI (Hdt. 6,134,2),72 Verletzung durch ein BE/LOS am MHRO/S (Schol. Aristeid. 572, 677f., 591).73

Wir beschließen die Betrachtung des 2. Abschnittes mit einer Synthese des Inhaltes der Darstellung des Ephoros gemäß der Analyse ihres Aufbaues auf Seite 295:

(a) Nach dem Marathonsieg organisierten die Athener eine Expedition mit einer Flotte von siebzig Schiffen unter dem Kommando des Miltiades, um die Inseln, die sich dem Perser ergeben hatten, diesem wieder abspenstig zu machen.74. — (b) Die Unternehmung führt an einigen Inseln vorbei, die sich ohne Widerstand ergeben.75 — (c) Auf Paros läuft sich die Kampagne fest. — (d) Man schreitet zur Belagerung,76 die anscheinend den gewünschten Erfolg zeitigt.77 — (e) Die Parier knüpfen Unterhandlungen an, die zu einer Vereinbarung über die Kapitulation der Stadt führen; als ein Feuerschein in der Ferne den Pariern die Nähe der großköniglichen Flotte zu signalisieren scheint, brechen die Parier die Übereinkunft. — (f) Miltiades weiß den Feuerbrand nicht anders zu deuten; infolgedessen bricht er die Belagerung auf der Stelle ab und gibt überstürzt die gesamte Expedition auf, um unverrichteterdinge nach

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Athen zurückzukehren. In der Volksversammlung wird die Anklage des Hochverrates gegen Miltiades erhoben: er habe Paros, obgleich hierzu imstande, darum nicht erobert, weil er vom Perser bestochen wurde.78 — (h) Die Verteidigung wird nicht von Miltiades persönlich geführt, da er an einer auf Paros empfangenen Wunde laborierte.79 — (i) Die Verwundung ereignete sich, als er, von Feindesblut befleckt, sich beim Demeterheiligtum aufhielt und von einem Geschoß E)C A)FANOU=S getroffen wurde (Miltiades sah hierin ein furchterweckendes göttliches Zeichen).80 — (j) Er wurde vom Kapitalverbrechen des Hochverrates (und somit der Todesstrafe) freigesprochen, aber dennoch (offenbar wegen eines anderen schweren Vergehens) verurteilt, wobei das Strafmaß nach den Staatsausgaben für die gescheiterte

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Flottenexpedition berechnet und auf fünfzig Talente bemessen wurde.81 — (k) Bis zur Beschaffung des Bargeldes hielt man Miltiades im Gefängnis fest, wo er verstarb; erst sein Sohn Kimon beglich die Schuld an den Staat.82

Anhang zum zweiten Abschnitt: Cornelius Nepos und Stephanos Byzantios

Cornelius Nepos ist gewiß unsere detaillierteste Quelle für die Rekonstruktion des Ephorosberichtes. Wir dürfen mit ebensolcher Gewißheit davon ausgehen, daß Cornelius Nepos im optimalen Fall höchstens fünfzig Prozent83 davon bewahrt. Die Geschlossenheit der Darstellung in c. 7, das durchwegs sinnvolle Bild der Vorgänge und ihrer Bedeutung, mag zu einer faireren Beurteilung des Autors Anlaß geben,84 in diesem bestimmten Fall jedenfalls hat er nicht aus dem Gedächtnis schales Allgemeinwissen aufgetischt oder bloß Kuriositätenhandbücher geplündert und zu einem unverdaulichen Potpourri angerührt.85 Wie er hier arbeitete, könnte sich nur feststellen lassen, wenn der ursprüngliche Bericht des Ephoros im originalen Wortlaut vorläge; der Autor mag mit dem griechischen Text vor sich übersetzt und paraphrasiert haben, oder er mag einige Kapitel erst studiert und dann aus dem Gedächtnis86 in eine seinen Zwecken entsprechende lateinische Fassung umgeformt haben.

Die Eigenart des Ephoros, Ereignisketten durch längere Zeiträume hindurch nachzuzeichnen, um dann mit einer moralisierenden Betrachtung

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abzuschließen,87 läßt uns die Vermutung äußern, daß auch c. 8 der Miltiadesvita der Konzeption nach derselben Quelle entstammt. Ein starker Hinweis findet sich c. 8, § 3 in der Behauptung, die 'Tyrannis' auf der Chersonesos non erat enim ui consecutus, sed suorum uoluntate, eamque potestatem bonitate retinebat, was genau dem in den Kapiteln 1-2 Gesagten entspricht, für welche ich andernorts Ephoros als Quelle nachzuweisen verersucht habe.88

Was Stephanos Byzantios bewahrte, geht, wie bereits oben Seite 293f. angedeutet, im Grunde in nichts über Cornelius Nepos hinaus. Dieser Umstand allein läßt Zweifel aufsteigen, inwieweit uns hier tatsächlich ein wortgetreues Ephorosfragment überliefert ist, wie Felix Jacoby durch Wiedergabe des Textes in gesperrtem Druck suggerierte.89 Antike Exzerptoren pflegen entweder ganze Passagen im ungekürzten Wortlaut wiederzugeben oder aber in geraffter Schreibweise zu paraphrasieren (u. U. unter Einschluß eines kurzen Direktzitates, oft am Schluß) — nicht jedoch einzelne vollständige Sätze auszuheben und unverbunden aneinander zu stückeln, zu welcher Annahme der Vergleich mit Cornelius Nepos zwingen würde. Der Text der Fassung von Stephanos Byzantios gibt an mehreren Stellen Anlaß zum Anstoß. Zum einen hat Ephoros gewiß nicht Paros zur größten Kykladeninsel befördert; die Athetese von KAI\ MEGI/STHN (welches in der besten Handschrift R fehlt) ändert nicht den Sachverhalt, daß opibus elatam bei Cornelius Nepos mehr anspricht als EU)DAIMONESTA/THN.90 Die

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vage Angabe POLU\N XRO/NON befremdet angesichts der (zumindest scheinbaren) Exaktheit Herodotos',91 dem Ephoros wohl nicht hat nachstehen wollen. Und selbst einer der scheinbar Stephanos Byzantios auszeichnenden Eigennamen erregt Verdacht. Datis war von Cornelius Nepos in Verbindung mit der Marathonkampagne mehrmals namentlich erwähnt worden, so daß kein ersichtlicher Grund bestand, in unserer Passage classiarii regii und classis regia für den Eigennamen zu substituieren. Diese Beobachtung legt den Schluß nahe, daß der Name Datis erst sekundär in diesen Kontext eingeführt wurde.92 Stephanos Byzantios beruft sich ausdrücklich für die Sprichworterklärung auf Ephoros. Die Quelle des Stephanos Byzantios war nicht unmittelbar der Historiker, sondern ein[e] paroimiographische [Glosse].93

Es sei indes nicht geleugnet, daß die textliche Qualität der Stephanos-Byzantios-Passage weit über derjenigen der Aristeidesscholia steht. Diese sind sowohl vielschichtig gekürzt als auch kontaminiert worden (vornehmlich, wie es scheint, mit Herodotos).94

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Schlußbemerkung

Das in den beiden Kapiteln über Herodotos und Ephoros nachgezeichnete Bild vom Gang der Überlieferung zur Parosexpedition und zum Ende des Miltiades mag für den Quellenforscher befriedigend sein —, für den Historiker dagegen, dem es obliegt, den Gang der Ereignisse nachzuzeichnen und mit historischem Sinngehalt zu erfüllen, ist diese Quellenlage weit weniger befriedigend. Denn wir mußten erkennen, daß uns nur eine einzige Tradition vorliegt und uns daher keinerlei Korrektivum aus dem Altertum zu Gebote steht; es stellt sich die Frage 'Ephoros oder Herodotos'95 erst gar nicht. Der Historiker96 wird also zu entscheiden haben, inwieweit diese Einheits- und Vulgärtradition auch Anspruch auf historische Authentizität erheben darf.97

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Beilage 1

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Beilage 2 (col. 1-2)

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Beilage 2 (col. 3-4)

 

Anmerkungen

1     Die hiermit vorgelegte Untersuchung möge meinem Wiener Lehrer Fritz Schachermeyr zum 10. Jänner 1975 gewidmet sein; sie schließt sich an meine Wiener Doktorarbeit an (Miltiades-Forschungen, Diss. Wien 1967 [Mschr.]; revidiert: Miltiades-Forschungen, Wien 1968 [Dissertationen der Universität Wien, 24]).

Nachstehende Arbeiten werden im folgenden nur mit Verfassernamen zitiert: H. Berve, Miltiades; Studien zur Geschichte des Mannes und seiner Zeit, 1937 (Hermes Einzelschriften, 2). — H. Bengtson, Einzelpersönlichkeit und athenischer Staat zur Zeit des Peisistratos und des Miltiades, 1939 (SBAW 1939, 1). — V. Ehrenberg, Athenae; Zur älteren athenischen Kolonisation, in: Ehrenberg, Polis und Imperium, 1965, 221-244 (zuerst: Eunomia 1, 1939, 11-32; englisch in: Ehrenberg, Aspects of the Ancient World, 1946, 116-143 [Nachdruck: New York, Arno Press 1973]). — R.W. Macan, Herodotus; The Fourth, Fifth and Sixth Books, 1895 (Nachdruck: New York, Arno Press 1973). — W.W. How, Cornelius Nepos on Marathon and Paros, JHS 39, 1919, 48-61.

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2     Zur Bestimmung des Begriffes 'Exkurs' bei Hdt. vgl. neuerdings J. Cobet, Herodots Exkurse und die Frage der Einheit seines Werkes, 1971 (Historia Einzelschriften, 17), 45ff.

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3     Hdt. läßt uns im Dunkeln, weshalb Miltiades in solche Ratlosigkeit verfiel. Für seine mit 70 Schiffen angerückte Streitmacht konnte der Fall von Paros doch nur eine Frage der Zeit sein —, mangelte es ihm etwa an eben dieser? Auch die Worte der Timo, unterstreichen diese Dringlichkeit, bzw. die Notwendigkeit (auch diese bleibt unerklärt): EI) PERI\ POLLOU= POIE/ETAI *PA/RON E(LEI=N (6,134,1).

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4     Zur Parataxe vgl. E. Lamberts, Studien zur Parataxe bei Herodot, 1970 (Diss. der Univ. Wien, 41), eine vorzügliche systematische Stellensammlung zum zweiten und achten Buch, allerdings ohne jegliche Indices!

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5     Der 'modernen Vulgata' gilt es als ausgemacht, daß Miltiades in sinngemäßer Ausführung der Anweisungen der Timo sich am Demeterheiligtum zu schaffen machen wollte!

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6     H. Montgomery, Gedanke und Tat; Zur Erzählungstechnik bei Herodot, Thukydides, Xenophon und Arrian, 1965, 34, meint, Hdt. zeige durch EI/TE — EI)/TE, daß er sich über die Gründe einer Handlung im Unklaren ist und daher die Hörer unter verschiedenen Möglichkeiten wählen läßt. Als Beispiel wird 6,134,2 angeführt —, doch welche Wahl hat man hier denn?

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7     Stein (zur Stelle) vergleicht des Miltiades angebliche Absicht des Kultbildraubes mit den 'Palladion-Sagen' (was Aly, Volksmärchen 160 Anm. 3, für "nicht uneben" hält); How-Wells (zur Stelle) denken ähnlich. Das Schweigen Hdt.s verbietet alle Spekulation; doch sollte man im Falle eines Demeterheiligtumes mit Mysterienkult nicht so sehr an ein Kultbild als vielmehr an eine KI/STH denken wollen.

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8     Hdt. 6,134,2: ... E(/RKOS QESMOFO/ROU *DH/MHTROS U(PERQOREI=N, OU) DUNA/MENON TA\S QU/RAS ANOI=CAI ... O)PI/SW TH\N AU)TH\N O(DO\N I(/ESQAI, KATAQRW|/SKONTA DE\ TH\N AI(MASIH\N TO\N MHRO\N SPASQH=NAI (im übrigen ein Zeichen recht guter Rüstigkeit des bereits betagten Helden).

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9     Immerwahr, Form and Thought in Herodotus, 1966, 301 Anm. 181, führt unsere Stelle als Beispiel for "individual gods ... acting in unison" an. Freilich mißversteht Immerwahr andererseits den Sachverhalt vollkommen, wenn er a.O. von "the action [sic!] of Apollo at Paros [?] against Miltiades" spricht. Man kann ebensowenig aus diesem Text auf verbreitete delphische Interventionen zugunsten lokaler Priester schließen (R. Crahay, La littérature oraculaire chez Hérodote, 1956, 268).

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10     Montgomery, Gedanke und Tat 12, erklärt, "ein häufig wiederkehrendes Motiv ist der Wille zur Rache" (mit zahlreichen Belegstellen a.O. Anm. 8).

Sollte im übrigen etwa die Reihenfolge, in welcher Hdt. die Vorwürfe gegen Timo erzählt, andeuten, daß die Anschuldigung des Hochverrates schwerer wiegt, wogegen die Mysterienprofanation 'nur' weitere, erschwerende Umstände bedeutet?

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11     Belege zu DEI= und verwandten Ausdrücken bei Hdt. sind zusammengestellt bei H. Verdin, De historisch-kritische Methode van Herodotus, 1971, 203.

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12     So etwa How-Wells, Stein, Macan (zur Stelle); J. Kirchberg, Die Funktion der Orakel im Werke Herodots, 1965 (Hypomnemata, 11), 83.

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13     Vgl. Hellmann, Herodots Kroisos-Logos, 11 (Marg, Wege der Forschung, Bd. 262, 50), zu Hdt. 1,8,2, XRH=N GA\R *KANDAULHN GENE/SQAI KAKW=S: "Die Notwendigkeit besteht darin, daß ein Mensch, zum Tode bestimmt, auf diesem verschlungenen Wege seinem Ende zugeführt wird".

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14     Vgl. Myres, Herodotus 214, "careful inquiries into the tragedy of Miltiades"; "he was writing an obituary, not the sequel to Marathon. Current stories were contradictory; ...only the oracle was indisputable; and there Herodotus leaves it."

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15     Hieran schließt sich in Hdt.s Bericht die Strafverfolgung des Miltiades in Athen. Es wäre natürlich eine delikate Sache gewesen, wenn das Orakel bereits vor dem Verfahren an die Parier ergangen wäre. Hdt. scheint sich indes keine Gedanken über die Chronologie gemacht zu haben. Vgl. Macan II, 250 (er schließt freilich, ohne viel Zuversicht, "presumably it was subsequent to the trial"). Unzutreffend R. Crahay, Litt. orac. Hdt. 87; 268.

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16     6,136,3 erfüllt sich das den Pariern erteilte Orakel (SFAKELI/SANTO/S TE TOU= MHROU= KAI\ SAPE/NTOS TELEUTA|=); Hdt. "ascribes the fiasco, wholly and solely, to the (supernatural) fright of Miltiades, and the resultant injury to his person" (Macan II, 252, vorzüglich formuliert). Grundy, The Great Persian War, 1901, 196, beobachtet, "the self-incurred nature of the disaster" sei das Entscheidende dabei.

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17     Vgl. unten S. 287.

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18     Klar formuliert von Immerwahr, Form and Thought 192: "This wound, rather, than his last trial, brought about his death." Verkannt ist dieser Sachverhalt von How 58.

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19     Die Wortwahl sollte uns keinerlei Hintersinn vermuten lassen, denn TRW=MA ist auch 9,90,1 und 9,100,2 völlig unverdächtig angewandt.

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20     Zu AUCA/NESQAI und ähnlichen Ausdrücken vgl. Immerwahr, Form and Thought 208 Anm. 47; 200 Anm. 29. Bengtson 55 findet, "mit imperialistischer Dynamik geladen" sei auch der Ausdruck PROSKTA=SQAI (6,135,1). S. Kinzl, RhM 118, 1975, 202ff. (§ 7) mit Anm. 49 und 58 (vgl. auch ders., Historia [25, 1976, 478f.]). Rawlinson übersetzt ansprechend "they were quite carried away."

Gewiß ist nicht ohne jeglichen Sinnzusammenhang, was Miltiades im Fall eines Sieges bei Marathon für Athens Zukunft sieht (6,109,6), vgl. Bornitz, Herodot-Studien. 163; Kinzl, RhM 118, 1975, 200 (§ 5).

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21     Ehrenberg erkannte zutreffend, daß "die Truppen ... nur Bürger gewesen sein" können (241); vgl. auch Macans (II, 254) fein dargelegte Bedenken. Überhaupt ist das Wesentliche hier, daß Miltiades verheimlichte, wo er die Schätze zu erbeuten gedachte; aber auch Hdt. kann nicht mehr als das gemeint haben und schließt also weiterreichende Pläne nicht nur nicht aus, sondern setzt sie unterschwellig sogar voraus.

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22     Ehrenberg 241 betont sehr berechtigt: "kein Zweifel, daß die Initiative zu dem Zuge von Miltiades ausging".

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23     Das Verb PARE/DOSAN ist durchaus neutral und kann nicht mit Berve 93 gedeutet werden; man vgl. am besten Hdt. 6,110: OI( STRATHGOI\, ..., W(S E(KA/STOU AU)TW=N E)GI/NETO PRUTANHI/H TH=S H(ME/RHS, *MITIA/DH| PAREDI/DOSAN —, hier liegt geradezu eine offiziell formelle Prozedur zugrunde (auf Grund eines bloßen Gentleman's Agreement hätte er nicht rechtskräftig das Kommando und die Geschäfte führen können).

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24     Hdt. erklärt nicht, wie sich die anderen Inseln entlang des Kurses der Flotte verhielten.

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25     Die Parier begingen nicht nur 'einfachen' Medismos, indem sie den Persern ihre Tore öffneten (darin standen sie gewiß nicht allein da), sondern sie hatten den Persern Heerfolge geleistet (STRATEUO/MENOI TRIH/REI+ E)S *MARAQW=NA A(/MA TW|= *PE/RSH|, 6,133,1). Ehrenberg bemerkt zutreffend, daß in der Darstellung des Hdt. durch die Angabe des Medismos als Kriegsgrund "das Unternehmen nach außen als ein Rachezug der Polis Athen gekennzeichnet wird" (241). Berve 94 bezeichnet den Medismos gleichzeitig als 'Vorwand' und als 'offizielle Begründung', jedocht "nicht die eigentliche Absicht".

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26     Die Parier ihrerseits denken überhaupt nicht daran, sich dem Kommandieren des Miltiades zu fügen (6,133,3), sondern ergreifen Gegenmaßnahmen, indem sie unter anderem ihre Befestigungen verstärken (A)/LLA TE E)PIFRAZO/MENOI KAI/, 6,133,3). Wie anders ist ihr Verhalten angesichts der Forderungen des Themistokles, 8,112,2-3 (vgl. Bengtson 55f. mit 55 Anm. 4).

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27     So die 'moderne Vulgata'. Vgl. etwa How 58.

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28     Lysagoras — anderwärts unbekannt — war gewiß ein hochgestellter Bürger, wenn nicht gar Beamter, der Inselpolis, um bei Hydarnes Zugang und gläubiges Gehör zu finden. Die Identität des letzteren scheint ziemlich gesichert als jener Hydarnes, der Hdt. 7,135,1 als STRATHGO/S ... TW=N PARAQALASSI/WN A)NQRW/PWN TW=N E)N TH|= *ASI/H| bezeichnet ist. Als solcher gehört er wohl in die Zeit des Xerxeszuges in erster Linie. Versuche, ihn mit irgendwelchen Ereignissen im früheren Leben des Miltiades in Beziehung zu setzen,, stoßen auf große Schwierigkeiten (vgl. Kinzl, Miltiades-Forschungen, 1968, 86).

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29     Hier wohl in der Tat auf den Gesundheitszustand beschränkt (vgl. 3,129,3); vgl. allerdings 6,94,2: *MARDO/NION ME\N DH\ FLAU/RWS PRH/CANTA TW|= STO/LW| PARALU/EI TH=S STRATHGI/HS, KTL.

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30     Powell Lex. Hdt. 323 col. 2 s. PROSKTW=MAI führt die Stelle unter Bedeutung 2. "acquire additional territory", während hier nur die erste Bedeutung "win over" in Frage kommen kann, wenn man nicht die historische Interpretation präjudizieren will. Vgl. besonders 6,110: O( *MILTIA/DHS PROSKTA=TAI TO\N *KALLI/MAXON (vgl. Anm. 23). Vgl. auch Bengtson 55 (s. oben Anm. 20). Berve sieht das umgekehrt: Es "ließ sich voraussehen, daß die Parier es ablehnen würden", hundert Talente zu zahlen, "und darum war von vorneherein an Besitznahme der Insel gedacht". Man mag fragen, was wohl geschehen wäre, wenn die Parier sich ebenso eilfertig wie ein Jahrzehnt später zum Zahlen verstanden hätten (vgl. oben Anm. 26). Allein auf der Grundlage und im Textzusammenhang des Hdt. läßt sich zum einen die Feststellung rechtfertigen, daß die genannte Summe von einhundert Talenten keineswegs ungemein, ja sogar vergleichsweise niedrig ist (Macan II, 254 findet sie "not overwhelming"; es ist hierbei nicht so bedeutsam, wie reich oder arm an Gold Paros in Wirklichkeit gewesen sein mag. Immerhin konnten die Parier zehn Jahre danach eine wohl auch nicht unerkleckliche Summe aufbringen [oben Anm. 26], so daß die Zahlungsfähigkeit der Insel schon vor der Zeit Hdt.s bezeugt ist; und selbst wenn erst der Export von Marmor den Pariern Gold einbrachte, während für frühere Zeiten das Fehlen von Gold eine "geologische Tatsache" [Ehrenberg 243] war, so bemerken wir, daß bereits die Alkmeoniden Marmorladungen zur Tempelbaustelle in Delphoi karrten [die Argumente bezüglich der Datierung bequem zusammengestellt in der von Immerwahr beaufsichtigten Arbeit von J.F. Barrett, Monumental Evidence for the History of the Alcmeonids, Diss. Univ. of North Carolina at Chapel Hill 1972, 61-98; die Behandlung der literarischen Tradition ist unzulänglich); hierzu siehe Kinzl, Hermes 102, 1974, 179-190]). Auf keinen Fall ist dies A)/FQONOS XRUSO/S (6,132), zumal wenn man die anlaufenden Kosten — mit oder ohne Belagerung — abzieht, und wenn die Belagerung gar vorhersehbar war, dann konnte dies schon gar nicht als EU)PETE/WS FE/RESQAI (6,132) hingestellt werden. Hätte Miltiades — stets nach Hdt. — denn um einer Summe willen, die er beinahe aus eigener Tasche hätte aufbringen können, sein ganzes Prestige einsetzen wollen, noch dazu ohne vernünftiges strategisches Konzept? Oder hätte er um einer persönlichen Angelegenheit willen — wie die 'moderne Vulgata' Hdt. verstehen will — die Volksversammlung belogen und den Verlust athenischer Leben riskiert, ohne die unvermeidlichen Nachwirkungen im voraus zu bedenken? Sollen wir also annehmen, Hdt. hätte all dies niedergeschrieben in gedankenlosem Eifer, dem Miltiades "eins auszuwischen", — und welcher stupiden Leserschaft [hätte er dies] zugemutet? Vorgreifend müssen wir folglich unterstreichen, daß Hdt. und sein Publikum eine klare Vorstellung davon hatten, was es mit dieser Expedition auf sich hatte, die sich nicht auf Paros beschränkt haben konnte —, auch wenn es sich dann doch so zutragen sollte. Vgl. die sehr guten Formulierungen von Obst RE XV 1703, 20-26.

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31     Berve 93 (vgl. 99) zufolge bedeutet dies, daß Miltiades hier "der attischen Bürgerschaft gleichsam [?] als Vertragspartner gegenübergestellt" sei. Übrigens mag die Nebeneinanderstellung von *AQHNAI/OISI und XRH/MATA eine beabsichtigte Pointierung sein.

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32     Vgl. Macan II, 250 ("it is not easy to see, in the text of Herodotus, why the siege should have been abandoned so soon"). Die Belagerung von Salamis auf Kypros wurde nicht einmal wegen des Todes des Feldherrn abgebrochen.

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33     Peisistratos: 1,59; Kleisthenes: 5,66ff.; 6,131,1; Themistokles ist bei Hdt. an keiner Stelle direkt mit dem Wort DH=MOS zusammengespannt. Die politische Stellung des Themistokles ist im übrigen nicht hierhergehörig, da dies ein rein historisches Problem ist. (Zu Hdt. 6,104,2 C.W. Fornara, The Athenian Board of Generals, 1972, 9f. mit 10 Anm. 29.)

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34     Eine Unterscheidung, welche von der 'modernen Vulgata' so gut wie völlig ignoriert wird. Die historischen und juristischen Aspekte des Prozeßverlaufes berühren uns hier nicht. Wie hat Hdt. sich indes die inhaltliche Beziehung zu 6,135,1, OU)/TE XRH/MATA *A)QHNAI/OISI A)/GWN OU)/TE *PA/RON PROSKTHSA/MENOS, vorgestellt? Am nächstliegenden ist es, zu antworten: überhaupt nicht, sondern jene Worte sind eine schlicht faktische Feststellung ohne hintergründige Zwischenbeziehungen.

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35     Wir bleiben stets innerhalb des Werkes des Hdt. und ziehen keine historisch bündigen Schlüsse. Vgl. Hdt. 1,59,5 (oben S. 283).

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36     Daran schließt sich die Schilderung, wie Miltiades zwar selbst dem Verfahren beiwohnte, wegen des SHPOME/NOU TOU= MHROU= jedoch auf einer Bahre lag, während seine Freunde für ihn sprachen. Aus dem Umstand, daß Miltiades selbst nicht sprach, läßt sich noch nicht schließen, daß er bereits im Sterben lag, — niemand kann im Liegen als Massenredner auftreten. Rawlinson (III, 510 Anm. 7, zu 6,136,2) meint ansprechend, unter jenen FI/LOI hätte man auch den Prytanis finden können, der dann bei Platon Gorg. 516 D so seltsam wieder auftritt (vgl. unten Anm. 66).

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37     Von seinem Sohn heißt es Plut. Kim. 7,3 bei Eion, XW/RAN ... PARE/DWKE TOI=S *AQHNAI/OIS.

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38     Wieweit ein Kausalzusammenhang zwischen der Nennung von Lemnos und Hdt.s folgendem Exkurs über die Eroberung von Lemnos (über jene Angelegenheit vgl. Kinzl, Miltiades-Forschungen 56-80 zum Historischen, 121-154 zu den Quellenfragen) besteht, d.h. ob Hdt. Lemnos speziell anführt, da er daran seinen weiteren Bericht anzuschließen wünscht. Betreffend Marathon wird man kaum fehlgehen mit der Vermutung, daß der Marathonmythos sich eben bei und durch jenen Prozeß zu formen begann (mit der überbetonten Rolle des Miltiades); wurde damals das 'Miltiadespsephisma' erstmals verlesen (von welchem gewiß eines Tages eine Kopie aus dem vierten oder dritten Jahrhundert auftauchen wird; späte Quellen und Scholia haben übrigens mehr als nur die Worte DEI=N E)CIE/NAI bewahrt, wie ich bei Gelegenheit hoffe zeigen zu können)? Vgl. auch Macan II, 251, "which are seen here in the making".

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39     Dies ist auffallend nahe; vgl. Bornitz, Herodot-Studien 103 für einen Hinweis auf die Nachbarschaft der Stellen.

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40     Ich wiederhole: lokale Gegebenheiten — nicht aber Ereignisse: die trugen sich von den Pariern aus gesehen auf der Feindesseite zu, so daß sie selbst erst darüber erfahren mußten (6,135,2, *PA/RIOI DE\ PUQO/MENOI W(S H( ... *TIMW\ *MILTIA/DH| KATHGH/SATO). Sonst müßten wir Hdt. die absurde Unmethode unterschieben, bei den Pariern, die es gleich ihm selbst erst herausfinden mußten, sich über etwas zu erkundigen, worüber ihm jedermann in Athen unmittelbarere Auskunft geben konnte. Die 'moderne Vulgata' entgeht dieser Folge, indem sie eine von Hdt. unterdrückte Version erfindet, und baut darauf weiter zur Interpretation dieser 'Tatsache'; vgl. z.B. Ehrenberg 240: Hdt. "gibt nur eine (religiös motivierende) parische Erzählung. Weshalb er die athenische Version, (vielleicht mehrere?) verschwieg und wie sie gelautet hat, wissen wir nicht". In Wirklichkeit lesen wir diese "unbekannte(n) Version(en)" in unserem Hdt.-Text. Macan, II, 251 gibt eine subtile Darlegung des 'Quellen'-Problems, verliert sich dann aber zusehends in Ungereimtheiten. Er warnt, Hdt.s Quellenangaben "cannot be taken au pied de la lettre" und fährt sehr richtig fort: "the Pan-hellenic tradition surely was not silent on the latter part of the story; the Parians surely had views on the earlier", usw.

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41     Vgl. Verdin, Historisch-kritische Methode 138 für den Gebrauch von AU)TOI/ in Epichorioizeugnissen des gewohnten Typus, bei dem der Gegensatz andere-Epichorioi in der ME/N-DE/-Parataxe ausgedrückt ist, während unter den angeführten Stellen keine sich mit unserem Typus berührt, welcher Umstand eine gute Stütze unserer Analyse abgibt. Da Hdt.s Ausdrucksweise hier eben nicht dem Normaltypus entspricht, muß man AU)TOI/ umdeuten, um den voreilig postulierten Sinn zu retten: AU)TOI/ sei gleichbedeutend mit MOU=NOI (Stein zur Stelle); vgl. Gottlieb, Außerherodoteische Überlieferung 66; Benardete, Herodotean Inquiries 179 (im übrigen ziemlich unverständlich).

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42     Wichtig ist auch, sich vor Augen zu halten, daß, wenn Miltiades in übler Verfassung heimkehrte, was auf eine Verwundung zurückzuführen war, man klärlich, da er nun in aller Munde war, auch hierüber sprach. Es muß also ganz allgemein überall in Athen von der Verwundung und den Umständen, unter welchen Miltiades sie sich zuzog, gesprochen worden sein. Macan II, 252 weist mit Recht darauf hin, daß man im Prozeß auch auf die "antecedents of the expedition" Bezug genommen haben wird.

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43     Vgl. Macan II, 251 (siehe oben Anm. 40).

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44     Im ganzen Exkurs gibt es nur eine einzige echte Variante: OI( DE\ AU)TO\N TO\ GO/NU PROSPTA=SAI LE/GOUSI (6,134,2), wobei ihre Träger undentifiziert bleiben — wohl schlicht 'andere' innerhalb der 'Griechenversion'. Zugleich ist diese Variante von herzlich irrelevantem Aussehen; vgl. Fehling, Quellenangaben 82. Vgl. Macan II, 252.

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45     Aus dem Zusammenhang der Progymnasmataunterweisung bei Cic. leg. 1, 5 geprägt: sunt quamquam et apud Herodotum patrem historiae et apud Theopompum (115 T 26a) sunt innumerabiles fabulae. Vgl. z.B. K.-A. Riemann, Das herodoteische Geschichtswerk in der Antike, Diss. München 1967, 96.

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46     Sehr nützlich die Aufbereitung des Materials bei H. Verdin, De historisch-kritische Methode van Herodotus, 1971.

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47     Vgl. Kinzl, RhM 118, 1975, 203f. (§ 7).

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48     C.W. Fornara, Herodotus, 1971, 65, "Herodotus' method is artistic, not historical". Ich finde mich in weitestgehender Übereinstimmung mit Fornaras Ausführungen 65ff., doch scheint mir Fornara das 'dramatische' Element überzubetonen.

Völlig verfehlt, weil ohne künstlerisches Einfühlungsvermögen, erscheint mir die Auffassung, Hdt. habe der 'tendenziösen' 'Parierversion' den Vorzug gegeben, um eine "doppelte Beleuchtung" zu erzielen; denn hätte er "Ephoros' Version aufgenommen, gäbe es keine doppelte Beleuchtung" (was sachlich falsch ist, siehe bes. S. 298ff.), "wäre, Miltiades nie unvorteilhaft charakterisiert, seine Darstellung würde nicht ins Negative abgleiten" (Spath, Das Motiv der doppelten Beleuchtung bei Herodot, Wien 1968 [Diss. der Univ. Wien, 13], 136). Nicht unähnlich Montgomery, Gedanke und Tat 39: wenn Hdt. bei Themistokles oder Miltiades ihre "eigentlichen Antriebe und Motive wiedergibt, so geschieht dies, um sie in ein unvorteilhaftes Licht zu setzen".

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49     Bengtson 51 findet proalkmeonidische Tendenz einfach offensichtlich; vgl. jedoch seine ausgezeichnet abgewogenen Bemerkungen 51 Anm. 1. Berve 97 will dagegen wiederum "von einer gegen Miltiades gerichteten Tendenz nichts ... spüren", während Spath (oben Anm. 48) gerade diese für ausgemacht hält. Wenn solch diametral entgegengesetzte Meinungen umlaufen können, scheint es wohl angebracht, einmal die ihnen gemeinsame grundsätzliche Frage nach einer Tendenz in Frage zu stellen.

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50     Vgl. Kinzl a.O. (oben Anm. 47); Fehling, Quellenangaben 170 (§ 5, 2), hat "nicht den Eindruck, daß Herodot mit den Großen seiner Zeit auf Du und Du stand".

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51     Zu den Zahlenangaben vgl. mit Vorsicht Fehling, Quellenangaben 155-167.

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52     Vgl. oben Anm. 40.

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53     Wäre des Lysagoras Verleumdung aus Miltiades-feindlicher Tendenz heraus berichtet, möchte man die Gewährsleute im 'Alkmeonidenlager', oder vielleicht auf Paros (Macan II, 252), suchen; anderseits aber soll es sich um eine persönliche Angelegenheit des Miltiades handeln (nach der 'modernen Vulgata'), wofür man Philaideninformanten benötigen sollte, was aber zur 'Tendenz' nicht passen will.

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54     Vgl. Macan II, 251, der "no conclusive proof of a Delphic source" findet.

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55     Cornelius Nepos, Miltiades 7. Text Beilage 1.

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56     Stephanos Byzantios s. *PA/ROS (507,16-508,9 Meineke). Text Beilage 1.

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57     Scholia zu Aristeides *U(PE\R TW=N TETTA/RWN: Schol. Aristeid. 531f. (*MILTIA/DOU U(PO/QESIS; Band III, 531,8-532,2 Dindorf); Schol. Aristeid. 572 (zu 177,2; III, 572,2-23 Dindorf); Schol. Aristeid. 677f. (zu 232,2; III, 677,30-678,7 Dindorf); Schol. Aristeid. 691 (zu 244,3; III, 691,16-28 Dindorf). Die von C.A. Behr in großzügigster Weise zur Verfügung gestellten verbindlichen Texte (vgl. unten Anm. 97) in Beilage 2.

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58     Am eingehendsten noch immer Eduard Meyer, Forschungen zur alten Geschichte, II, 1-87.

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59     Die 'moderne Vulgata' läßt die Schol. Aristeid. außer Betracht (von sporadischen Hinweisen abgesehen) und postuliert, Stephanos Byzantios biete ein wörtliches Ephoroszitat, dessen Inhalt die von Hdt. zugunsten der 'Parierversion' unterdrückte 'Griechenversion' verkörpere. Vgl. unten S. 302f.

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60     Diese Überlegung schließt etwa Hellanikos von vorneherein aus, wiewohl wir annehmen müssen, daß dieser Autor nicht völlig übergangen haben wird, was mit zwei der bedeutendsten athenischen Persönlichkeiten verbunden ist. Was auch immer Hellanikos (wohl in seinem Werk über athenische Geschichte, FGrHist 323 a) zu sagen hatte, wird dem späteren breit erzählenden Historiker vorgelegen haben und mag sogar von diesem angenommen worden sein. Vgl. unten Anm. 66.

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61     FGrHist 70 F 63.

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62     Die 'moderne Vulgata' bezeichnend formuliert von Crahay, La littérature oraculaire chez Hérodote, 267 Anm. 1 (remaniement confus d'Ephore); entschieden zu weit geht die Unterbewertung von Cornelius Nepos durch Ehrenberg 243. Vgl. immerhin How 59, daß Cornelius Nepos "gains whatever weight we attach to the authority of [Ephorus]". Vgl. unten Anm. 84; Anm. 85.

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63     Nur eine indirekte Andeutung blieb stehen, ohne welche der Prozeß nicht zu erklären wäre (DUNA/MENOS bzw. DUNHQEI\S E(LEI=N).

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64     Diese Kennzeichten sind beispielweise Zusammenstreichung (oft willkürlich und oft bis zur Unkenntlichikeit) auf das unmittelbar 'Wesentliche' und Paraphrasierung; Umstellungen in der Reihenfolge von Aussagen, um durch Verkürzungen bewirkten Änderungen der Satzkonstruktion Rechnung zu tragen. Substituierung gebräuchlicher Ausdrücke für weniger gebräuchliche; sekundäre Anreicherung durch 'intrusive' Zitate anderer Herkunft; mitunter sogar schlicht ad hoc Erfundenes oder durch Textverderbnis hervorgebrachte Pseudovarianten. Ein durch eine Vielzahl Epitomatorenhände gegangener Text ist in keinem Fall in seinem ursprünglichen Wortlaut wiederherstellbar.

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65     Gottlieb, Das Verhältnis der außerherodoteischen Überlieferung zu Herodot, 66f. erschöpft die Problematik nicht einmal annähernd.

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66     Da wir davon ausgehen dürfen, daß Ephoros Hellanikos benützte (vgl. Jacoby, FGrHist IIIb Supplement, S. 11; vgl. übrigens auch oben Anm. 60), scheint es, als ob Hellanikos gleichfalls nur die 'Vulgata' wiedergab, vgl. unten Anm. 75. Im übrigen hält auch die 'moderne Vulgata' die Ephorosdarstellung für alt (oben Anm. 59); vgl. ferner Gottlieb, a.O. Freilich wird die 'Vulgata' zwischen der Zeit, in der Hdt. schrieb, und Ephoros angeschwollen sein (freundlicher Hinweis von Dr. Behr), doch immer im Rahmen der allgemein vorgezeichneten Tradition. Es erscheint mir unmöglich festzustellen, was wir von Platon Gorg. 516 DE zu halten haben: *MILTIA/DHN DE\ TO\N *MARAQW=NI EI)S TO\ BA/RAQRON E)MBALEI=N E)YHFI/SANTO, KAI\ EI( MH\ DIA\ TO\N PRU/TANIN, E)NE/PESEN A)/N; — hierauf bezieht sich Aristeides 160,2 mit Schol. Aristeid. III, 532,31-533,3 Dindorf: *MILTIA/DHN DE/ FHSI] DEINW=S PA/LIN EI)/RHKEN TOU=TO. O(\ GA\R O( *PLA/TWN KATA\ H)=QOS DIASU/RWN EI)=PEN, OU(=TOS EI)S E)/PAINON PERISTRE/FEI. O( GA\R *PLA/TWN OU(/TWS EI)=PEN E)N TW|= *GORGI/A|: "*MILTIA/DHN DE\ TO\N E)N *MARAQW=NI EI)S TO\ BA/RAQRON E)MBALEI=N E)YHFI/SANTO, KAI\ EI) MH\ DIA\ TO\ PRUTANEU/EIN, E)NE/PESEN A)/N". (Text von C.A. Behr).

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67     Macan II, 255, "This version is so little open to criticism that it might be suspected to be a product of criticism", usw. (über Cornelius Nepos/Ephoros); vgl. Berve 95. Schwerlich zutreffend How 60: "Here, as elsewhere, Ephorus gives us little more than a plausible but shallow attempt to rationalize the biased and defective tradition in Herodotus." Vgl. A. Bauer, Die Benutzung Herodots durch Ephoros bei Diodor, Jahrb. Class. Philol. Suppl. 10, 1878/1879, 341.

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68     Siehe oben Anm. 58.

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69     Ich verdanke Dr. Behr den außerordentlich einleuchtenden Hinweis, daß das Verbum A)NAPARIA/ZEIN den absurden Bildungen der Alten Komödie höchst ähnlich sei (z.B. bei Kratinos: EU)RIPIDARISTOFANI/ZEIN), während ein echtes Sprichwort eher in der Form *PARIANOI\ O(MOLOGI/AI erscheinen sollte (vgl. *LH/MNIA KAKA/ oder *E(RMW/NEIOS XA/RIS, zu welchen vgl. Kinzl, Miltiades-Forschungen, 1968, 121-140). Gewiß unhaltbar Eduard Meyer, Forschungen zur alten Geschichte 1, 19 Anm. 2, der hier eine aus dem Sprichwort heraus "von Ephoros construirte Geschichte" erblicken will (gefolgt von Obst, RE XV, 1702, 46ff.).

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70     Siehe oben [Seite 293] Punkt (f); irrig Gottlieb a.O., Hdt. und Ephoros "berichten ... völlig verschieden über das Scheitern der Expedition".

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71     Ein Irren des Miltiades auch dies, das ihm immerhin nichts Geringeres als eine Hochverratsklage bringt und nach deren Scheitern dennoch eine gewaltige Geldstrafe.

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72     Vgl. oben Anm. 44.

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73     Bengtson 63 — allerdings mehr vom Standpunkt des Historikers aus sprechend — formulierte bereits sehr treffend, daß "von grundlegenden Unterschieden zwischen" Hdt. 6,132ff. und Ephoros "keine Rede sein kann", ohne jedoch den Beweis für seine Anschauung zu erbringen, was das Historiographische anlangt (vgl. unten Anm. 95).

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74     Von wem die Initiative ausging, ist nicht deutlich, doch geht sie auf keinen Fall so eindeutig von Miltiades aus wie bei Hdt. (vgl. oben Anm. 22). Ob das Fehlen der Figur des Lysagoras (Hdt. 6,133,1; vgl. oben [S. 285] mit Anm. 28) in den erhaltenen Resten bedeutet, daß Ephoros diese Affäre (etwa als herodotische KAKOH/QEIA) eliminierte, muß offen bleiben.

Bengtson 59 Anm. 3 sieht bei Cornelius Nepos eine "klare Eroberungsabsicht", die seiner Ansicht nach auf das Konto des Cornelius Nepos gehe, — Schol. Aristeid. 677f. ist jedoch gleichermaßen eindeutig, wodurch Bengtsons Annahme widerlegt wird (vgl. auch die anderen Schol. Aristeid.).

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75     Daß diese Nachricht aus Hellanikos stamme (J.H. Schreiner, SO 44, 1969, 33), ist zwar möglich, aber völlig unerweisbar.

Die Angabe in Schol. Aristeid. 677f., Miltiades habe als erstes Paros angesteuert (E)CELQW\N EI)S *PA/RON PRW/THN), ist sekundär (wohl aus Hdt.) eingedrungen, wie Libanios Declam. 12,32 (V, 526 Foerster) zeigt; Libanios bietet die mit Hdt. kontaminierte Ephorostradition, weshalb die Nennung der anderen Inseln bei diesem Autor besonderes Gewicht besitzt.

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76     Während bei Stephanos Byzantios MHXANH/MATA zur Belagerung ins Werk gesetzt werden, gibt Cornelius Nepos eine stark römisch anmutende Beschreibung der Berennung der Stadt.

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77     Der Name der parischen U(POZA/KOROS Timo findet sich nirgendwo außerhalb Hdt.s. Wenn Ephoros die ganze Affäre eliminierte, muß er wohl auch das diesbezügliche Orakel aufgegeben haben (von welchem sich auch keinerlei Spur findet). Es wäre allerdings noch denkbar, daß er ein Orakel in irgendeiner Form bewahrte, aber die Verbindung mit Timo fallen ließ (Orakel bei Ephoros: Schwartz, RE VI, 13 = Griech. Geschichtschreiber, 1959, 21). Wir tappen hier einfach im Dunkeln.

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78     Bengtson 61 bemerkt, daß proditio bei Cornelius Nepos auf Griechisch PRODOSI/A laute — so steht es in der Tat im Schol. Aristeid. 572. cum Parum expugnare posset findet seine Parallele in DUNHQEI\S E(LEI=N (Schol. Aristeid. 531f.), DUNA/MENOS E(LEI=N (Schol. Aristeid. 691 ). Sehr wichtig das nur bei Cornelius Nepos erhaltene rege corruptus. Nicht sicher zu behaupten ist, ob das crimen peculatus, Iustin. 2,15,19, derselben Tradition verpflichtet ist, da es vor allem in Zusammenhang mit Kimon zitiert ist (vgl. oben Anm. 58).

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79     Die Identität des oder der Verteidiger erschließen zu wollen verbietet sich: "Sagoras Dan. PABR*S (eandem formam praebent exc. Pat.), Sagorax Q, dagoras M, isagoras dett. aliquot, Diagoras u" (Apparat der Ausgabe von Malcovati). Berve 95 "Tisagoras (entstellt aus Stesagoras)", und da Stesagoras seit etwa drei Jahrzehnten tot war, spreche dies "nicht gerade für die Güte der Ephoroserzählung"; Bengtson 63 Anm. 1 akzeptiert Stesagoras, warnt hingegen sehr richtig davor, diesen Irrtum etwa dem Ephoros zuweisen zu wollen; Macan II, 256 liest Tisagoras, was er als mögliche Vermengung von Tisandros und Stesagoras erklärt; N.G.L. Hammond, The Philaids and the Chersonese, CQ NS 6, 1956, 127, macht daraus einen Isagoras, möglicherweise sogar den Gegenspieler des Kleisthenes (vgl. 121); P.J. Bicknell, Studies in Athenian Politics and Genealogy, 1972, 84-88, greift dies auf und erzeugt zwei Isagorai derselben Generation, einen Tisandrossohn und Enkel des Stesagoras d. Ä., und einen Sohn des Kimon d. Ä. und gleichfalls Enkel des Stesagoras (zu Bicknell siehe Gymnasium 81, 1974, 310 Anm. 2, zu Hammond Kinzl, Miltiades-Forschungen, 1968, 23f.); Immerwahr, TAPhA 103, 1972, 185, denkt an einen Stesagoras III, der nur durch Lieblingsinschriften bekannt ist und um 540 geboren sein würde. Es ist indes das Allerwahrscheinlichste, daß die ganze Verwirrung auf den Umstand zurückzuführen ist, daß Cornelius Nepos aus einem griechischen Original übertrug und daß er an dieser Stelle diesen griechischen Text nicht richtig verstanden hat, sei es, weil dieser Text korrupt war, sei es, weil Cornelius Nepos flüchtig war oder am Ende keine so vorzügliche Kenntnis des Griechischen besaß; es mag im griechischen Original etwa der Genetiv *A*G*O*R*A*S irgendwie irreführend zu lesen gewesen sein; und geht frater etwa auf FRA/TWR zurück?

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80     Daß die Verwundung und ihre Vorgeschichte auf Paros zusammen an dieser Stelle berichtet wurden, ist so gut wie gesichert durch Cornelius Nepos einerseits und andererseits dadurch, daß in den Schol. Aristeid. der Prozeß des Miltiades den Anknüpfungspunkt für die Verwundungsgeschichte bietet. Die Geschoßwunde bietet auch Libanios Decl. 12,25 (V, 523 Foerster); wenn Schol. Aristeid. 677f. eine alternative Ursache anbietet, welche an Hdt. gemahnt, mag dies sekundär aus Hdt. hereingetragen sein. Wenig Verständnis für die Überlieferung zeigt Rubensohn, RE XVIII, 1815, der meint, Schol. Aristeid. 572 sei "nur eine Wiederholung des Herodot-Berichtes mit einer Euhemeristischen Umdeutung des Vorganges im Thesmophorion".

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81     Es wäre befremdlich, wenn das Volk einerseits die Hochverratsanklange als zu Recht erhoben erkannt hätte, jedoch auf der anderen Seite nicht die einem solchen Verbrechen angemessene Todesstrafe verhängt hätte, sondern das Strafausmaß auf eine kompliziert berechnete Geldstrafe reduziert hätte (zumal eine beliebige Riesensumme genügt hätte, wenn diese an die Stelle des Todes hätte treten sollen). Es sollte sich annehmen lassen, daß auch Ephoros eine Unterscheidung zwischen ursprünglicher Anklage und Urteilsbegründung durchführte (so wie Hdt. zwischen A)PA/TH TOU= DH/MOU und A)DIKI/H zu scheiden weiß, vgl. oben [S. 287] mit Anm. 34). In den zu stark verkürzten Schol. Aristeid. ist dies gänzlich verwischt (Verhandlung vor der Volksversammlung scheint in Schol. Aristeid. 572 und 691 zugrunde zu liegen), und auch Libanios hat dies nicht mehr verstanden (Declam. 12).

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82     Es wäre hübsch, wenn die scheinbar so detaillierte Zeitangabe des Todes des Miltiades, META\ DU/O E)/TH TH=S MA/XHS, Schol. Aristeid. 531ff., als authentisch erweisbar wäre, doch ist gerade die *MILTIA/DOU U(PO/QESIS am wenigsten vertrauenerweckend und am stärksten kontaminiert.

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83     Vorausgesetzt, Ephoros widmete den Vorgängen nicht mehr Raum als Hdt.

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84     "Gar nicht so sehr konfus" nennt auch G.A. Lehmann, Bemerkungen zur Themistokles-Inschrift von Troizen, Historia 17, 1968, 285, den Bericht der Themistoklesvita des Cornelius Nepos. Ein paar freundlichere Bemerkungen finden sich bei U. Fleischer, Zu Cornelius Nepos, Festschrift Snell, 1956, 197-208.

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85     Am schärfsten verurteilte ihn Norden, Die römische Literatur, in: Einleitung in die Altertumswissenschaft 1, 1.-3. Aufl. (sein Stil zeige "Abweichungen von der Norm des Denkens"); zuletzt als Einzelausgabe, 4. Aufl., Leipzig 1952, 42f. (wo das obige Zitat gestrichen ist; dennoch: "unfähig, das Wesentliche zu erfassen").

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86     Eine derartige Arbeitsweise würde die unleugbaren tatsächlich falschen Angaben im Feldherrnbuch (ausführlich zusammengetragen von G.F. Unger, Der sogenannte Cornelius Nepos, ABAW 16, 1, 1881, 20ff.) am leichtesten erklären.

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87     Ein interessantes Beispiel ist seine Geschichte der Tyrannenvertreibung, vgl. Kinzl, Hermes 102, 1974, 189f. Vgl. Jacoby, FGrHist IIC, 22ff. (Einleitung zu 70 Ephoros); Schwartz, RE VI, 3f. = Griech. Geschichtschreiber 7. Zur Vorsicht hingegen mahnt R. Drews, Diodorus and his Sources, AJPh 83, 1962, 386 Anm. 15.

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88     Diese ersten zwei Kapitel der Biographien haben ein gerütteltes Maß an Schuld am üblen Ruf des Cornelius Nepos. Es ist ein Gemeinplatz, daß hier der Marathonsieger und der erste Chersonesosbesiedler gleichen Namens von Cornelius Nepos zusammengeworfen worden seien (vgl. nur z.B. Unger a.O. 21; Eduard Meyer, Forschungen zur alten Geschichte I, 16; einzige Ausnahme, soviel ich sehen kann: Hammond, CQ NS 6, 1956, 122ff.). Miltiades-Forschungen, 1968, 109-120, versuchte ich nachzuweisen, daß hier kein unsinniges Versehen des Cornelius Nepos vorliegt, sondern daß er einer ausführlichen Vorlage folgt, welche diese Ereignisse unter dem Namen des Marathonsiegers Miltiades berichtete und angesichts der unzulänglichen Angaben des Hdt. ein eigenes Bild jener Ereignisse schuf, wobei diese nach der Dublettenmethode nach dem Vorbild des Hdt.-Berichtes vom Oikisten Miltiades (Hdt. 6,34ff.) rekonstruiert wurden; daß dies eine bevorzugte Methode des Ephoros war, hat schon Polybios 6,46,10 beobachtet (vgl. Schwartz, RE VI, 15 = Griech. Geschichtschreiber 24)!

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89     Man vgl. hierzu Jacobys eigene Warnung an den "benutzer, der schon im allgemeinen nur zu geneigt ist, solche sammlungen als autoritativ anzusehen". Umso riskanter ist es, aufgrund bestimmter Formulierungen bei Stephanos Byzantios einen Beweis aufbauen zu wollen (z.B. Bengtson 57).

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90     Man mag sich sogar fragen, ob KAI\ MEGI/STHN, welches ja auf Naxos zuträfe, etwa durch jene korrupte Überlieferung, welche uns bei Schol. Aristeid. 531f. und 691 entgegentritt (*NA/CON H)\ *PA/RON) in d[ie] Stephanos-Byzantios-Glosse hineingetragen wurde; und obendrein, ob nicht etwa Hdt. 5,28 (H( *NA/COS EU)DAIMONI/H| TW=N NH/SWN PROE/FERE) am Ende irgendwie mitspiele (Verkürzungen durch Kommentatoren, Scholiasten, u.s.f., bringen oft die schrecklichsten Resultate zustande).

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91     Hdt. 6,135,1, sechsundzwanzig Tage

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92     Cornelius Nepos substituiert gewöhnlich in Fällen, in welchen eine Namensnennung einen langwierigen Kommentar, erfordert hätte, zögert aber nicht, mitunter einen unbekannten (aber auch keine Erläuterungen erfordernden) Eigennamen zu erwähnen (ein Beispiel einer Substitution siehe Kinzl, Miltiades-Forschungen, 1968, 143f.). Daß Datis persönlich damals noch in jenen Gewässern weilte, ist von Modernen vielfach als unglaublich bezeichnet worden (vgl. etwa How 60; Obst, RE XV, 1702), und es besteht wenig Grund anzunehmen, daß diese Schwierigkeiten dem Ephoros entgangen wären.

How 60 meint schließlich, daß das "fire on Myconus may well be a mere inference from the story of Datis' stay there in Herodotus (vi. 118)". Der Umstand, daß bei Cornelius Nepos hier ein so offenbarer Unsinn steht (procul in continenti lucus, qui ex insula conspiciebatur), erhöht nicht unser Vertrauen in den Wert der Erwähnung der Insel Mykonos bei Stephanos Byzantios als authentisch ephorisch.

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93     In die erhaltenen Sprichwörtersammlungen fanden nur mehr weiter gekürzte Erklärungen Eingang: Ps.-Zenobios (CorpParoemGraec I, 38, 4-9); Suda *A 2287 A)NEPARI/ASAN (1, 205, 15-18 Adler); Ps.-Diogenianos 2,35 (CPG I, 200f.); Apostolios 3,19 (CPG II, 291); Arsenios 3,92. Ich reproduziere den ausführlichsten Text, Ps.-Zenobios: A)NEPARI/ASAN. E)PI\ TW=N METAGIGNWSKO/NTWN KAI\ METATREPOME/NWN EI)/RHTAI H( PAROIMI/A. E)PEIDH\ OI( *PA/RIOI POLEMOU/MENOI U(PO\ *A)QHNAI/WN KAI\ A)NOXA\S PAR' AU)TW=N AI)TH/SANTES KAI\ TUXO/NTES E)PI\ U(POSXE/SEI TOU= PARADW/SEIN TH\N PO/LIN, EI)=TA PROSDOKH/SANTES SUMMAXI/AN H(/CEIN POQE\N, E)/LUSAN TA\ O(MOLOGOU/MENA.

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94     Vgl. oben Anm. 63; 64; 74; 75; 78; 80; 81; 82; 90. Schol. Aristeid. 531f. und 691 schreiben unerklärlicherweise von vierzig, anstatt fünfzig, Talenten; ähnliche seltsame Mutationen finden sich bei Diod. 11,47,1 gegenüber Thuk. 1,96,2 (erster Tribut des attischen Seebundes 560 gegenüber 460 Talenten; dafür hat Diod. 12,40 dann 460 Talente, wo Thuk. 2,13,3 600 bietet), Diod. 12,40,3 gegenüber Thuk. 2,13,5 (50 Talente als Wert des Goldes der Athenastatue, gegenüber 40 Talenten bei Thuk.).

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95     Im allgemeinen zuungunsten des Ephoros beantwortet (nicht so Wecklein, Über die Tradition der Perserkriege, SBAW 1876, 246; Bengtson nimmt eine vermittelnde Position ein, bes. 63; vgl. Macan II, 256).

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96     Vgl. oben S. 280.

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97     Besonderen Dank schulde ich Herrn Dr. C.A. Behr, New York, für umfassende und erschöpfende Auskünfte zu den Texten und der Überlieferung der hier behandelten Aristeides-Scholien. Dr. Behr, Dr. E.F. Bloedow, Ottawa, und Dr. C.W. Fornara, [Brown University] lasen mit dankenswerter Aufmerksamkeit das Manuskript. Zu etlichen der hier angeschnittenen historischen Fragen vgl. Kinzl, "Athens: Between Tyranny and Democracy", Festschrift Fritz Schachermeyr, Berlin (de Gruyter) [1977, 199-223].

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